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In den Köpfen der Vogelhalter hat sich in den vergangenen Jahren
eine Reihe von Irrtümern festgesetzt, über die ich an dieser
Stelle informieren möchte. Viele Irrtümer entstanden, weil man früher
das Verhalten der Wellensittiche nicht ausreichend kannte, als die ersten
Fachbücher über diese Vogelart geschrieben wurden. Heute
wissen die Fachleute es zwar besser, aber einige Fakten haben sich noch
nicht bis zu allen Vogelhaltern herumgesprochen.
Wellensittiche haben immer Milben
Diese Aussage ist völliger Unfug. Hat ein Vogel
Milben, ist er definitiv krank, und ein solcher
Parasitenbefall
ist keineswegs der Normalzustand. Ich vermute, der Ursprung dieses
Irrtums liegt in der Tatsache, dass viele Wildvögel unter
Parasitenbefall leiden. Hinzu kommt, dass manche Vogelhalter anscheinend
Allergien gegen ihre Tiere entwickeln. Es ist allerdings in sehr vielen
Fällen so, dass die Ärzte die Vögel vorschnell für
die Allergie verantwortlich machen, die die Tiere gar nicht
selbst auslösen. Oft schieben Mediziner den Ausbruch der Allergie
auf den "Vogelstaub" und Milben - Milben, die in Wahrheit
mit den Vögeln nicht in Verbindung stehen.
Vielfach sind
Hausstaubmilben die eigentlichen Verursacher von Allergien.
Sie leben jedoch keineswegs auf Vögeln, sondern
in Matratzen, Teppichen und Möbeln, wo sie unter anderem menschliche Hautschuppen
als Nahrung finden. Die Ausscheidungen dieser kleinen Insekten mischen
sich in den Hausstaub, zu dem in einem Haushalt mit gefiedertem
Familienanschluss noch der vom Sittich ausgehende Gefiederstaub kommt. Ein
frei fliegender Wellensittich wirbelt diese Staubmischung auf, dies kann
bei empfindlichen Personen zu einer Verstärkung der Symptome
der Hausstauballergie führen. Es geschieht aber unabhängig
davon, ob der Vogel Milben hat oder nicht. Vollkommen gesunde
Wellensittiche und andere Stubenvögel haben keine Milben!
Wellensittiche sind monogam
Als dieses Gerücht in die Welt gesetzt wurde, galten
noch erheblich schärfere Moralvorstellungen als heute, die von den Autoren
der ersten Fachbücher kurzerhand von uns Menschen auf die kleinen
Papageien übertragen wurden. Wer mehr als zwei Wellensittiche
hält, wird vermutlich über kurz oder lang feststellen, dass
die Vögel keineswegs in treuer Einehe leben.
In meinem Vogelschwarm
spielen sich zum Teil Szenen ab, die aus einer turbulenten
Hollywood-Seifenoper stammen könnten, in der es um Leidenschaft,
Fremdgehen und regelrechte Eifersuchtsdramen geht. Meist sind Wellensittiche ihrem
Partner treu, aber wenn sich eine Gelegenheit zu einem Flirt mit einem
netten Artgenossen bietet, sind die kleinen Krummschnäbel wahrlich
keine Kostverächter und nehmen es mit der Treue nicht sonderlich genau.
So konnte ich sogar schon beobachten, dass der
eigentliche Partner beim Seitensprung zugeschaut hat, von
Heimlichkeit hielt der "Ehebrecher" in diesem Fall nichts. Der Sittichmann
Orion hatte
eine zeitlang zwei Weibchen, mit denen er verpaart war.
Die Damen nahmen diese Bigamie übrigens erstaunlich gelassen hin.
Weibchen singen nicht
Diesem Ausspruch kann ich nur energisch widersprechen. In meinem
Vogelschwarm singen beide Geschlechter, die Männchen trällern
allerdings häufiger und lauter als die Weibchen. Das
Gesangsrepertoire der Weibchen ist ebenso umfangreich wie
das ihrer männlichen Artgenossen, unterschiede sind nicht
zu hören.
Männchen können besser sprechen
Die Aussage stimmt so nicht. Zwar ist es wahr, dass durchschnittlich mehr
Männchen das
Sprechen
erlernen und dies auch schneller bewerkstelligen. Aber
die Weibchen können das von ihnen erlernte Repertoire an Worten
genauso deutlich vortragen wie ihre männlichen Artgenossen.
Die Sprachbegabung der Wellensittiche ist allerdings ein zweischneidiges
Schwert, siehe Kapitel
zu diesem Thema.
Männchen sind anhänglicher
Auch diese vermeintliche Weisheit gehört ins Reich der Fabeln. An sich sind
Weibchen etwas zickiger als Männchen und zetteln öfter einen
handfesten Streit an. Das heißt jedoch nicht, dass sie nicht
dazu in der Lage wären, sich ihrem menschlichen Gefährten eng
anzuschließen und sich mit ihm anzufreunden. In meinem Vogelschwarm
sind es meist die Weibchen, mit denen ich sehr enge Beziehungen pflege.
Meine Sirius
war zu ihren Lebzeiten das beste Beispiel für ein anhängliches
Weibchen, denn
sie liebte es, ausgiebig gekrault zu werden und kam ständig von
selbst zu mir.
Im Schwarm gehaltene Sittiche bleiben scheu
Zweifelsohne beschäftigen sich im Schwarm oder paarweise gehaltene
Wellensittiche mehr mit ihren Artgenossen als mit ihrem menschlichen
Halter. Trotzdem kann ein ganzer Vogelschwarm zahm sein - das zeigen
mir viele meiner Tiere tagtäglich. Wer sich als Tierhalter um
seine Vögel kümmert und ihnen ein Gefühl der Sicherheit
vermittelt, wird sie irgendwann sicher zähmen können, auch wenn
es mehrere Tiere sind. Es erfordert allerdings etwas Geduld, die man
als verantwortungsbewusster Vogelhalter für seine Sittiche unbedingt
aufbringen sollte - es lohnt sich!
Wellensittiche können ihr Geschlecht ändern
Diese Aussage ist so falsch wie "die Erde ist eine Scheibe". Das
Geschlecht lässt sich beim Wellensittich an der Wachshaut, also an
der Nase, ablesen. Bei Weibchen ist diese in aller Regel braun gefärbt, bei den
Männchen blau. Die Intensität der Farbe variiert je nach
Brutkondition. Ist ein Sittich in Brutstimmung, wird die Farbe
kräftiger. Ein extremes Verblassen oder gar Umfärben steht
keineswegs für eine Geschlechtsumwandlung. In den Abbildungen in diesem
Absatz ist zweimal dasselbe Weibchen zu sehen; rechts in Brutstimmung
und links außerhalb der Brutperiode.
Oft deutet eine extreme
Farbveränderung auf eine ernsthafte innere Erkrankung des Vogels
hin. Meist leidet ein Vogel, dessen Wachshaut sich verfärbt hat,
an einem
Nierenproblem,
da diese zu den so genannten endokrinen Organen
gehören. Das heißt, sie sind an der Produktion von Hormonen
beteiligt, die unter anderem für die Ausfärbung der
Wachshaut verantwortlich sind. Wer bei seinem Sittich eine drastische
Farbveränderung im Bereich der Nase beobachtet, sollte demnach
nicht an das Ammenmärchen der wundersamen Geschlechtsumwandlung
glauben, sondern den Vogel besser sofort zum Tierarzt bringen.
Mehr zum Thema "Geschlechtsbestimmung bei Wellensittichen" finden Sie übrigens
im gleichnamigen Kapitel.
Linktipp: Michael Braun hat auf seiner
Homepage eine Aktion namens
"Stimmt
doch gar nicht " ins Leben gerufen, die mit falschen Informationen über
Wellensittiche aufräumt.
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