Buchrezension: 'Wellensittiche' von Hildegard Niemann

Buch-CoverVor einigen Jahren lag der Schwerpunkt bei Ratgebern über Wellensittiche vor allem darauf, die Tiere als ideale Hausgenossen zu beschreiben. Auf ihre Eigenarten und Bedürfnisse wurde indes kaum eingegangen. Eher stand im Mittelpunkt, wie der Halter das von seinen Tieren bekommt, was er erwartet: Zutraulichkeit, Nachahmung von Sprache ("Sprechen") und dergleichen.

Frau Niemann geht die Sache völlig anders an. Sie hat einen Ratgeber geschrieben, bei dem die Bedürfnisse der Wellensittiche im Vordergrund stehen. So lernt der Leser am Anfang des Buches, wie wilde Wellensittiche leben und wie sich diese angeborenen Verhaltensweisen bei Stuben-Wellensittichen zeigen. Außerdem erfährt er, dass beim Zähmen Geduld die oberste Tugend ist und dass die Tiere niemals unter Druck setzen sollten, während versucht wird, ihr Vertrauen zu gewinnen. Basierend auf ihrem Fachwissen erklärt die Biologin in diesem Zusammenhang, weshalb das Aussehen des Menschen dem von Beutegreifern entspricht und wie es dennoch möglich ist, sich den Wellensittichen zu nähern, ohne sie zu ängstigen.

Die Autorin stellt Wellensittiche als das dar, was sie sind: Kleine, ausgesprochen quirlige Charakterköpfe mit Federn, die die Gesellschaft ihresgleichen brauchen. Gleich an mehreren Stellen enthält das Buch Hinweise darauf, dass die Mini-Papageien nicht einzeln gehalten werden sollten. Außerdem wird nichts schöngeredet, auch der Nagetrieb der Vögel wird beispielsweise aufgegriffen. So lernt jeder Neuling gleich, dass beim täglichen Freiflug durchaus auch mal Tapeten dran glauben müssen, wenn die Vögel Lust aufs Benagen haben und für einen Moment unbeobachtet sind.

Informationen über die richtige Unterbringung und Ernährung sowie die häufigsten Krankheiten der Vögel fehlen ebenfalls nicht in dem Buch. Sehr positiv fällt auf, dass die Autorin mehrfach auf die Notwendigkeit hinweist, einen kranken Vogel zu einem Facharzt für Exoten und Reptilien zu bringen - weise Worte! Denn ist ein Wellensittich krank, braucht er die Hilfe eines Spezialisten, ohne Wenn und Aber. Die Ausführungen zum Sprachtalent scheinen bei einem solchen Ratgeber ein Muss zu sein, weil viele Halter es nach wie vor von ihren Tieren erwarten, dass sie "sprechen". Glücklicherweise hat die Autorin ihre Tipps mit dem Hinweis versehen, dass man seine Tiere so nehmen sollte, wie sie sind, auch wenn sie das Sprechen nicht erlernen.

Die Kapitel lesen sich flüssig, sind in sich schlüssig und die Sprache ist allgemeinverständlich gehalten. Fachbegriffe hat Frau Niemann so gut wie nicht verwendet. Allenfalls über Begriffe wie "Wachshaut" (= Nase des Wellensittichs) könnte ein absoluter Neuling vielleicht stolpern. Ansprechend ist auch das Bildmaterial. Der Fotograf hatte ein gutes Händchen und hat nicht nur die Tiere abgelichtet, sondern ihren Charakter in Momentaufnahmen eingefangen.

Bei einem Preis von nur 7,90 Euro erhält der Käufer eine Menge sehr guter Informationen für sein Geld.

Wellensittiche
Hildegard Niemann
Erste Auflage 2007
Gräfe und Unzer
ISBN 978-3-8338-0592-9
Preis 7,90 Euro