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Home > Vögel mit Handicap > Augenprobleme: Blinde Vögel | |||
Aufgrund unterschiedlicher Ursachen können Vögel im Laufe
ihres Lebens erblinden. Manche von ihnen haben das große
Glück, nur auf einer Seite ihr Augenlicht zu verlieren. Sie
können nach einer kurzen Gewöhnungszeit weitestgehend
problemlos am alltäglichen Leben im Vogelschwarm teilnehmen.
In den meisten Fällen haben sie genauso viel Freude an ihrem
Dasein wie normalsichtige Artgenossen. Aus eigener Erfahrung kann
ich dies mit ruhigem Gewissen bestätigen, da ich selbst mehrfach Vögel gehalten habe, die entweder nur auf einem Auge oder gar beidseitig erblindet waren.
Leider gibt es auch Fälle, in denen Vögel mit einer beidseitigen Blindheit geschlagen sind. Solche Fälle werden ebenfalls in diesem Kapitel erläutert.
Einseitige Blindheit
Da Pünktchen zeitlebens ein aktiver und neugieriger Vogel war, der stets zu gewandten Flugeinlagen und akrobatischen Klettertouren aufgelegt war, fiel es mir anfangs kaum auf, dass das Weibchen ständig seine Flugbahn in der Luft korrigierte. Dies war notwendig, weil der Vogel seine Umgebung mit seinem einen gesunden Auge nicht rundherum optimal wahrnehmen konnte. Vor allem beim Landen wählte das Tier eine eigentümliche Technik. Pünktchen flog die Stelle, an der sie landen wollte, stets in einer Rechtskurve an, da von ihrem linken Auge keinerlei Informationen an ihr Gehirn geliefert wurden. Näherte man sich ihr von links, zuckte sie erschrocken zusammen, was sie nie tat, wenn man sich von rechts mit der Hand näherte. Als mir auffiel, wie sonderbar sie zuletzt immer geflogen war, habe ich sie genau beobachtet um festzustellen, ob sie mit ihrem blinden Auge auch tatsächlich im Alltag zurechtkommt. Glücklicherweise war dies bei Pünktchen der Fall.
Vollständige Blindheit in hohem Alter
Viele der auf beiden Augen erblindeten Tiere haben kaum noch Lebensqualität. Die allermeisten Vögel fliegen nicht mehr, stoßen in ihrer Vertrauten Umgebung ständig irgendwo an und verletzen sich dabei häufig. Ihr Futter und das Wasser finden sie nur schwer, so dass sie meist stark abmagern. Außerdem stellen sie die Pflege ihres Gefieders ein, was ein gesunder, zufriedener Vogel niemals tun würde, da die Tiere instinktiv wissen, dass ein intaktes Gefieder für ihr Überleben wichtig ist (dies gilt vor allem in freier Wildbahn). Wer diese Anzeichen an seinem betagten Vogel beobachtet, der sollte mit einem Tierarzt sprechen und den gefiederten Hausgenossen von seinem traurigen Dasein erlösen, sofern auch der Arzt den Eindruck hat, dass sich das Tier selbst aufgegeben hat. Leider ist es oftmals so, dass ältere Vögel nicht mehr genügend Kampfgeist verspüren, um sich mit der veränderten Situation zu arrangieren. Es hat nichts mit Tierliebe zu tun, einen Vogel am Leben zu lassen, der sich überhaupt nicht mehr allein zurechtfindet und auch keine Anstalten macht, den Umgang mit seiner Behinderung zu erlernen und schließlich qualvoll verhungert. Glücklicherweise gibt es jedoch äußerst bemerkenswerte Ausnahmen, bei denen die Erblindung nicht einem Todesurteil gleichkommt. Bei Vogelfreunden in Wien lernte ich die greise Wellensittich-Dame Wiwi kennen. Sie war auf beiden Augen erblindet und lebte in einem kleinen Käfig, der auf dem Boden der Voliere ihrer Artgenossen stand. Das ist zwar nicht der ideale Ort zur Unterbringung, weil sich die meisten Vögel auf dem Boden nicht wohl fühlen und sogar blinde Individuen wahrnehmen, wo sie sich befinden. Aber anders ließ sich Wiwi damals nicht unterbringen. Die anderen Wellensittiche kamen oft zu Besuch in den Käfig der blinden Gefährtin und kümmerten sich um sie. So wurde sie gekrault, liebkost und in die Aktivitäten ihrer Artgenossen mit einbezogen. Wiwi fühlte sich nie einsam und hatte es bestens gelernt, sich in ihrer "überschaubaren", kleinen Welt, also in ihrem Käfig, zurechtzufinden. Auch bei der Nahrungsaufnahme und beim Trinken hatte sie keine Probleme, da sie die Position der Näpfe kannte. Es ist daher wichtig, dass die Besitzer erblindeter Vögel sämtliche Näpfe stets peinlich genau an derselben Stelle anbringen. Dadurch erleichtern sie ihren gehandicapten Tieren das Leben enorm.
Von Geburt an blind
Ich empfehle jedem Züchter, in dessen Obhut sich ein blindes Jungtier befindet, dieses zunächst von den Eltern weiter aufziehen zu lassen. Sobald das Jungtier den Nistkasten verlassen hat, ist der große Moment gekommen, es in einen behindertengerecht eingerichteten, geräumigen Käfig zu setzen. Gelingt es dem jungen Vogel nicht, sich innerhalb einiger Tage in dieser Umgebung zurechtzufinden und eigenständig Nahrung sowie Wasser zu finden, kann das Tier sein Leben allein nicht meistern. In diesem traurigen Fall ist es sinnvoll, den Vogel durch einen Tierarzt einschläfern zu lassen. So mancher von Geburt an blinder Vogel arrangiert sich mit seiner Behinderung jedoch bestens und kann ein glückliches Leben ohne Augenlicht führen. Ich halte es für wichtig, jedem blinden Jungtier die Chance einzuräumen, sein Schicksal zu meistern und nicht vorschnell das Einschläfern in Erwägung zu ziehen. Manche Jungvögel verlassen den Nistkasten blind. Ihre Augen entwickeln sich aber in den kommenden Lebenswochen dennoch weiter, so dass sie im Alter von etwa drei Monaten genauso gut sehen können wie gleichaltrige Artgenossen. Einen solchen abgesehen von seiner Blindheit kerngesunden Vogel überstürzt einschläfern zu lassen, wäre durch nichts zu rechtfertigen. Also: Haben Sie etwas Geduld und geben Sie einem blinden Jungvogel einige Wochen Zeit, gegebenenfalls erlangt er sein Augenlicht doch noch.
Erfreuliche Ausnahmen
In meiner Obhut lebte von Januar bis September 2003 ein Katharinasittich-Weibchen namens Nimue, dessen Linsen dermaßen stark getrübt waren, dass der Vogel so gut wie blind war. Lediglich bei sehr hellem Licht, also wenn Nimue im direkten Sonnenschein saß, konnte sie Bewegungen in ihrer unmittelbaren Nähe schemenhaft erkennen. Bei eingeschalteter künstlicher Beleuchtung war sie blind, die Lichtmenge reichte nicht aus, um den Vogel Schemen erkennen zu lassen. Anfangs hielt ich Nimue nur in ihrem Käfig, in dem sie sich auskannte und ein normales, wenn auch beengtes Leben führen konnte. Ihr Gefährte Merlin flog im Vogelzimmer herum, was ihr nicht behagte, da sie sich oft einsam fühlte und ganz offensichtlich im Käfig langweilte. Merlin aufgrund der Blindheit seiner Partnerin permanent einzusperren, kam für mich nicht in Frage. Also rang ich mich dazu durch, ein Experiment mit Nimue zu wagen. Auf der Fensterbank meines damaligen Vogelzimmers war es oft sehr hell, da dort in den Nachmittagsstunden bis zur Abenddämmerung direktes Sonnenlicht vorhanden war. Diesen Platz verwandelte ich mit einigen Korkröhren und einem Klettergestell in einen Abenteuerspielplatz für Nimue. Ferner gab es eine Stelle, an der Futter und Frischkost wie Obst und Gemüse sowie eine Schale mit Wasser für meine Vögel bereitstand. Ich vermutete seinerzeit, die Fensterbank könnte genau der richtige Ort für die neugierige Nimue sein.
Dieser Erfahrungsbericht wurde von Gaby Schulemann-Maier verfasst.
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