![]() |
||||
|
|
Home > Vögel mit Handicap > Hinkende Vögel: Hüftschaden | |||
|
Erfahrungsbericht von Gaby Schulemann-Maier
Eine typische Ursache für schwere Einschränkungen in der Beweglichkeit stellt eine ausgekugelte Hüfte dar; der medizinische Fachbegriff hierfür lautet Luxation. Derlei Auskugelungen können Vögel jeden Alters treffen, und sie sind nicht heilbar! Ist das Gelenk einmal geschädigt, besteht bei ausgewachsenen Tieren keine Möglichkeit, den verrutschten Knochen wieder in seine ursprüngliche Position zu bringen. Lediglich bei Jungtieren, die sich noch im Wachstum befinden, ist eine Behandlung möglich, allerdings nicht in jedem Fall von Erfolg gekrönt. Darüber hinaus können verbogene Oberschenkelknochen oder angeborene Hüftfehlstellungen zu schwerwiegenden Haltungsproblemen führen.
Klassische Unfallsituationen
Unsanfte Landungen, Hängenbleiben mit einer Kralle oder kleine Streitigkeiten unter Artgenossen können bei Altvögeln zu einer Auskugelung des Hüftgelenks führen. Je schlechter die Ernährungssituation der Tiere ist, desto weicher sind häufig ihre Knochen (siehe Beitrag über Osteomalazie). Aufgeweichte Knochensubstanz führt deshalb bei ausgewachsenen Wellensittichen zu einer erhöhten Anfälligkeit für Gelenk- und Knochenschäden. Aus diesem Grunde ist es wichtig, Ziervögel immer möglichst abwechslungsreich zu ernähren, um eine optimale Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen stets zu gewährleisten.
Der folgende Film zeigt ein junges Wellensittich-Weibchen beim Laufen, das unter einer beidseitigen Füftfehlstellung leidet: bitte hier klicken
Symptome einer Luxation oder eines verbogenen Knochens
Unmittelbar nach einem Unfall, bei dem die Hüfte ausgekugelt wurde, ziehen Altvögel das betroffene Bein an den Körper und schonen es. Beim Gehen lahmen sie auffallend und sind nahezu nicht mehr dazu in der Lage, sich auf das verletzte Bein zu stützen. Nach einigen Tagen spreizen sie das Bein mehr oder minder stark seitlich vom Körper ab, wie man es auch bei Jungvögeln beobachten kann, wobei der Winkel in aller Regel weitaus weniger extrem ausfällt als bei den Nestlingen.
Orions Geschichte
Eines Abends saß er schlafend auf einer Schaukel, als ein Schwarmgefährte ihn schwer verletzte. Wütend darüber, dass er um 22:00 Uhr "schon" in den Schlafkäfig gehen sollte, rastete das andere Männchen förmlich aus. Der Vogel suchte sich ein Ventil, um seinen Unmut loszuwerden, und biss dem schlafenden Orion in den Oberschenkel. Sekundenbruchteile später begann er an Orion zu ziehen, um ihn von der Schlafschaukel zu werfen. Ich stand in unmittelbarer Nähe und hörte das hässliche Knirschen in Orions Hüftgelenk, das von einem gellenden Schmerzensschrei des Opfers begleitet wurde. Orion fiel auf den Käfigboden, noch immer schreiend vor Schmerz und unfähig, sich auf sein rechtes Bein zu stützen. Ich war bestürzt, da ich Orion in keiner Weise helfen konnte. Wie sehr er unter seinen Schmerzen litt, wurde mir klar, als ich das gefiederte Häufchen Elend am nächsten Morgen betrachtete. Orion war vollkommen in sich zusammengesunken, ließ den Kopf hängen und bewegte sich kaum. Es dauerte zwei Tage, bis er wieder Nahrung zu sich nehmen wollte. Die Tierärztin bestätigte keine zwölf Stunden nach dem Vorfall meine Vermutung, dass Orions Hüfte ausgekugelt war und riet mir dazu, ihn mit Traumeel zu behandeln. Dieses homöopathische Mittel sollte die Heilung des verletzten Hüftgelenks unterstützen und gegen die Schmerzen wirken. Nach gut zwei Wochen begann Orion erstmals wieder zu singen, bis dahin hatte ihn der Schmerz fest im Griff. Inzwischen weiß ich, dass es noch erheblich wirksamere Methoden der Schmerztherapie gibt, die der behandelnden Ärztin damals offenbar leider nicht bekannt gewesen sind. Man sollte also in einem solchen Fall nach Möglichkeit einen Vogel-Facharzt aufsuchen und mit ihm über eine wirksame Schmerztherapie reden. Wenn man die Gelenksverletzung schon nicht heilen kann, so sollte der Vogel in der Akutphase wenigstens keine heftigen Schmerzen erleiden müssen. In der Anfangszeit war Orion verstört und verängstigt. Egal, welcher andere Sittich sich ihm näherte, er zuckte zusammen und wich sofort zurück. Nur seine Gefährtin Io konnte sich ihm nähern, ohne ihn in Angst zu versetzen. Vor allem Rudis Anblick löste bei Orion in den ersten Wochen nach dem Zwischenfall regelrechte Panik aus, war er es doch gewesen, der ihm diese Verletzung zugefügt hatte. Mir schien es, als wären die seelischen Wunden, die Orion davongetragen hatte, mindestens genauso gravierend wie die körperliche Verletzung. Wochen später begann Orion damit, sich mit der Behinderung zu arrangieren. Dankbar nahm er die von mir angebrachten Ruheplattformen an, siehe entsprechendes Kapitel. Sein Charakter hat sich seit dem Angriff durch seinen Artgenossen stark verändert. Später war Orion ruhig, unauffällig, wenig selbstbewusst und aufgrund seiner eingeschränkten Beweglichkeit deutlich inaktiver als zuvor. Soweit es ihm möglich war, nahm er an den Aktivitäten im Vogelschwarm jedoch nach wie vor teil.
Probleme im Alltag
Trinkschalen, deren Ränder höher als 1,5 cm sind, stellen für Wellensittiche mit einer ausgekugelten Hüfte ein nur unter größten Anstrengungen überwindbares Hindernis dar. Stürzen sie in die Trinkschale, können sie sich unter Umständen nicht mehr daraus befreien und können im schlimmsten Fall ertrinken. Fressnäpfe, an deren Vorderseite schmale Sitzstangen befestigt sind, eignen sich nicht sonderlich gut zum Anbieten der Körnermischung. Auf den dünnen Stegen oder Stangen können sich Vögel, deren Hüfte ausgekugelt ist, nahezu nicht halten. Besser geeignet sind flache Teller ohne hohen Rand, die hin und wieder gern als Liegeplatz zweckentfremdet werden. Vor allem männliche Artgenossen interpretieren die liegende Haltung eines Vogels mit Hüftschaden zuweilen grundlegend falsch. Für sie mutet die Körperhaltung wie eine offene Einladung für einen Paarungsakt an. Deshalb müssen sich derart gehandicapte Vögel oft gegen zu aufdringliche männliche Artgenossen wehren, die sie besteigen wollen. Helfen akustische Drohlaute nicht, setzen gehandicapte Vögel ihren Schnabel gegen den aufdringlichen Gefährten ein, was vollkommen verständlich ist, jedoch einiges an Konfliktpotential birgt. Es ist daher sehr wichtig darauf zu achten, dass ein Vogel, dessen Hüfte beschädigt ist, nicht allzu oft bedrängt wird.
Manche Handlungen, die während der arttypischen Gefiederpflege von Vögeln ausgeführt werden, sind für Hüftluxations-Patienten nicht möglich. So ist es dem betroffenen Vogel beispielsweise unmöglich, sich mit dem entsprechenden Bein am Kopf zu kratzen. Wenn es dort einmal juckt, muss der Vogel sich etwas einfallen lassen, also die entsprechende Stelle etwa an einem Gegenstand reiben.
Nachtrag: Am 06. Mai 2003 hatte Orion einen weiteren Unfall, bei dem ein anderer Vogel ihm beim Herumtoben auf den Rücken sprang. Dabei trug er schwerste innere Verletzungen davon, sein Rückgrat war gebrochen. Orion war vom Hals abwärts gelähmt und beim Atmen waren rasselnde Geräusche zu hören, die damit einhergingen, dass ihm Blut aus dem Schnabel sickerte. Ich ließ ihn durch meinen Tierarzt umgehend von seinen nicht mehr heilbaren Leiden erlösen.
Linktipps: Möchten Sie sich mit anderen Vogelhaltern über gehandicapte Tiere austauschen? Dann besuchen Sie das Forum
|
||||
|
Sämtliche Inhalte und Abbildungen auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Wer Inhalte oder Bilder weiterverwenden möchte, der möge sich bitte an den Webmaster wenden. Bilder- und Textdiebstahl werden rechtlich verfolgt. |
||||