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Home > Erlebnisberichte > Sorgenküken Rana | |||
Im Herbst 1999 war es leider wieder einmal soweit. Aus beruflichen Gründen
musste ich umziehen, was mit neun Wellensittichen wirklich keinen Spaß
macht. In meiner alten Wohnung lebten die Vögel in einer Zimmervoliere, in
der neuen sollten sie einen etwa zwölf Quadratmeter großen Raum ganz für sich
allein bekommen. Das Vogelzimmer war natürlich von allen Räumen am schnellsten
eingerichtet: Hier ein Kletterbaum aus Naturästen, da ein großes Stück
Korkeichenrinde zum Knabbern nach Herzenslust - das ging erheblich leichter
als das Zusammenbauen meiner restlichen Möbel. Die Sittiche fühlten sich in
ihrem neuen Zuhause auf Anhieb heimisch, denn es ist ein
sonnendurchfluteter Raum, der voll auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist.
Nach wenigen Wochen zeigte sich, wie wohl sich meine Sittiche fühlten. Als ich abends von der Arbeit nach Hause kam, fand ich ein kaputtes Ei auf dem PVC-Boden. Von welcher Sittichdame es stammte, war schwer zu sagen, aber ich tippte auf Elara. Wenige Tage später fand ich ein weiteres kaputtes Ei und noch ein paar Tage später lag eines auf dem Fensterbrett, wo Rhea es kurz zuvor abgelegt hatte. Meine Vögel waren offenbar durch den Umgebungswechsel und die guten Lebensbedingungen in Brutstimmung geraten. Züchten kam für mich jedoch eigentlich nicht in Frage, da ich es einfach nicht übers Herz bringen könnte, die Jungvögel in ein ungewisses Schicksal bei Fremden zu entlassen, schließlich war ich gerade neu in der Stadt und kannte noch nicht so viele Leute. Meine Freunde und Verwandten, von denen ich wusste, dass sie sich rührend um Vögel kümmern, waren bereits bestens mit Wellensittichen versorgt. Ich wollte daher lieber keinen Sittich-Nachwuchs zulassen, was meine Vögel allerdings gänzlich anders zu sehen schienen.
In Sirius' Gelege, das fünf Eier umfasste, befand sich ein Ei, das nur knapp zwei Drittel der Größe eines normalen Wellensitticheis hatte. Ich hielt es für ausgeschlossen, dass dieses winzige Ding Leben hervorbringen würde, wollte aber trotzdem auf Nummer sicher gehen und sterilisierte es. Im Gegenlicht sah es stark durchscheinend aus, so als enthielte es keinen Dotter, aber man weiß ja nie ... Ich ließ es zusammen mit den anderen vermeintlich sterilisierten Eiern anschließend einfach im Nistkasten liegen und schenkte ihm keine weitere Beachtung.
Am nächsten morgen hörte ich das Küken im Ei ständig rufen, die Mutter antwortete ihm regelmäßig. Ein zweiter Riss war in der Schale zu erkennen, aber mehr hatte sich nicht getan. Später am Nachmittag war Sirius wieder sehr nervös, also sah ich nach dem Ei und stellte dabei fest, dass das Küken ganz still geworden war. Auch bewegte es sich nicht mehr, es war wohl inzwischen vollkommen erschöpft. In dem Moment begann ich damit, mir selbst Vorwürfe zu machen. Ich nahm an, dass das Küken nun sterben würde, weil es so früh noch nicht lebensfähig sei. Und nur durch meine leichtfertige Entscheidung, das Ei nicht durch Abkochen zu sterilisieren (das Anstechen hatte sich ja als nicht ausreichend sicher erwiesen), war das arme Küken überhaupt in diese missliche Lage geraten. So schuldig und schlecht wie an jenem Tag habe ich mich selten gefühlt! Meine Fachliteratur gab leider keine erbaulichen Ratschläge. Überall fand ich den Hinweis darauf, dass man Küken nicht aus dem Ei holen solle, weil man sie dabei in den meisten Fällen tödlich verletzten würde. Außerdem meinte die Literatur, wenn ein Küken nicht aus eigener Kraft schlüpfen könne, sei es ohnehin nicht lebensfähig. Da das Ei jedoch offenkundig zu klein war, dachte ich mir, das Küken könne vielleicht nicht selbständig schlüpfen, weil es noch nicht reif genug sei. Aber in seinem Gefängnis konnte es trotzdem nicht bleiben. Also wagte ich es, den kleinen Vogel zu befreien, denn er würde so oder so im Ei sterben. Anfangs zitterten mir schrecklich die Hände und es dauerte fast eine halbe Stunde, bis ich ganz vorsichtig ein Stück Schale entfernt hatte, unter dem der Kopf des rosa Wesens zu sehen war. Augenblicklich wurde das Küken wieder aktiv und stemmte sich mit seinem noch viel zu kleinen Eizahn von innen gegen die Schale. Gemeinsam arbeiteten wir mehr als eine weitere Stunde daran, das "Gefängnis" zu öffnen. Während der ganzen Zeit saß Sirius auf meiner Schulter, von wo aus sie alles aufmerksam beobachtete. Gelegentlich flog sie auf meine Hand, um selbst Schlupfhilfe zu leisten. So vorsichtig, wie sie mit ihrem Schnabel die Schale entfernte, konnte ich das mit meinen vergleichsweise großen Fingernägeln nicht.
In der Nacht kam ich nicht zur Ruhe. Immer wieder fragte ich mich, ob das Küken überleben würde, wo es doch so früh auf die Welt gekommen war. Am nächsten Morgen war die Erleichterung groß, als ich es munter um Futter betteln hörte. Nun stand ich allerdings vor einem anderen Problem. Sirius wollte nicht so recht aus ihrem Nistkasten kommen, um Nahrung aufzunehmen. Ihr Mann hatte sie sitzen lassen, was die Sache sehr kompliziert gestaltete. Mit einem Stück Kolbenhirse lockte ich Sirius dann aber doch aus der Reserve. Während sie sich kräftig mit Kolbenhirse, Keim- und Eifutter den Kropf voll schlug, hielt ich ihr Küken in der Hand, um es zu wärmen. Sie nahm das gelassen hin und schaute alle paar Minuten kurz nach dem Rechten, zupfte vorsichtig an ihrem Kind und fraß dann weiter. Als sie satt war, legte sie sich wie am Abend zuvor wieder in meiner Hand auf ihr Küken. Am liebsten wäre ich den ganzen Tag bei den beiden geblieben, aber ich musste leider zur Arbeit. Damit die Mutter nicht hungern musste, legte ich ihr ein Stück Kolbenhirse ganz in die Nähe des Einschlupfloches ihres Nistkastens.
Heiligabend lebte das Küken noch und erfreute sich bester Gesundheit. Es war inzwischen fünf Tage alt und etwa zweieinhalb Zentimeter groß. Der kleine Sittich war so kräftig, dass er meiner Meinung nach außer Lebensgefahr war. Damit ich nicht immer nur von "dem Küken" sprechen musste, sollte der Jungvogel endlich einen Namen bekommen. Alle Sittiche, die in meinem Schwarm leben, sind nach astronomischen Objekten benannt. Diese Tradition wollte ich fortsetzen. Rana sollte das Küken heißen; ich benannte es nach einem Stern in der Konstellation Eridanus.
Alle weiteren Ereignisse überschlugen sich. Am 23. Lebenstag schaute Rana neugierig aus dem Einschlupfloch des Nistkastens, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Da keine Geschwister mit im Nistkasten waren, suchte der Jungvogel offenbar Beschäftigung, denn wenn ich den Kasten reinigte oder die Mutter fütterte, kletterte Rana mit Vorliebe an mir auf und ab. Meine Brille schien dabei besonders interessant zu sein. Jeden Abend dokumentierte ich Ranas Wachstum mit meiner Videokamera und die Verhaltensweisen, die der kleine Vogel zeigte, wurden immer abwechslungsreicher. Der ganz große Tag war am 19. Januar 2000. Vor laufender Kamera machte Rana ihren Jungfernflug - und landete mitten auf dem Objektiv.
Inzwischen ist aus meinem Sorgenküken ein stattlicher Sittich geworden, der mir gegenüber allerdings nicht mehr sehr zutraulich ist. Die Artgenossen sind offenbar erheblich interessanter, was ich vollkommen verstehen kann. Hergeben würde ich den jungen Vogel für nichts in der Welt, obwohl ich ursprünglich keinen weiteren Sittich mehr wollte. Neben Neuzugang Rana zogen auch noch Kiki und Kleiner, die Sittiche einer Bekannten, die sie aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst pflegen kann, als gefiederte Dauergäste in mein Vogelzimmer ein. Das Dutzend war erstmals in meiner Vogelhalter-Geschichte voll und ich genoss es sehr, dem bunten Treiben zuzuschauen. Februar 2000 |
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