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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!
Je nachdem, welcher Gruppe von Organismen die jeweils vorliegenden Erreger zuzurechnen sind, muss ein spezielles Medikament zum Einsatz kommen. Hinzu kommt, dass zum Beispiel innerhalb der Gruppe der Bakterien deutliche Unterschiede in Bezug auf die Medikamentenempfindlichkeit bestehen. Manche Bakterien sind sogar gegen bestimmte Medikamente immun beziehungsweise resistent, so dass der Tierarzt dem erkrankten Vogel mit solchen Präparaten nicht helfen könnte. Deshalb ist es wichtig, dass eine genaue Untersuchung bei einem speziellen Labor in Auftrag gegeben wird, um erstens den tatsächlich vorliegenden Erregerstamm und zweitens wirksame Medikamente bestimmen zu lassen.
Vom Abstrich zur Erregerkultur
Das Heranzüchten einer Erregerkultur nimmt einige Stunden bis Tage in Anspruch. Sind die Kulturen zu einer ausreichenden Größe herangewachsen, werden sie aufgeteilt; mitunter werden auch gleich aus einer Probe mehrere Kulturen gewonnen. Die einzelnen Kulturen werden jeweils mit unterschiedlichen Medikamenten vermischt und anschließend sich selbst überlassen. Nach einer gewissen Zeitspanne - diese kann je nach Erregerstamm mehrere Stunden oder auch Tage lang sein - wird untersucht, wie die Krankheitserreger der einzelnen Kulturen auf die unterschiedlichen Medikamente reagiert haben. Hierdurch zeigt sich, welches Medikament besonders wirksam ist. Dem erkrankten Vogel kann mit diesem Wissen gezielt geholfen werden.
Das Antibiogramm
Hilfreich sind Antibiogramme bei Infektionskrankheiten, die während einer Therapie mit einem Standardmedikament nicht abgeheilt sind. Meist ist Eile geboten, weil das Erstellen des Antibiogramms einige Tage bis hin zu einer Woche in Anspruch nimmt. Erkrankungen der Verdauungsorgane, also etwa Infektionen des Kropfes oder schwere Durchfälle infolge von Darmentzündungen schwächen die betroffenen Vögel aber enorm und können sie schnell dahinraffen. Deshalb sollte man gemeinsam mit dem Tierarzt nach zwei, spätestens aber drei Therapietagen die Entscheidung darüber treffen, ob ein Antibiogramm notwendig ist oder nicht. Wurde zuvor bereits ein Antibiotikum verabreicht, sind die Testergebnisse ein wenig verfälscht, aber mitunter ist das Erstellen eines Antibiogramms trotzdem noch sinnvoll.
Immunität gegen Medikamente
Der Bakterienstamm A reagiert sehr empfindlich auf ein bestimmtes Antibiotikum, das an dieser Stelle ganz allgemein "AB 1" genannt werden soll. Nun wird AB 1 von einem Tierarzt verordnet und von einem Vogelhalter eingesetzt. Da der erkrankte Vogel schnell wieder gesund geworden zu sein scheint, setzt der Tierhalter das Medikament früher ab, als es der Arzt angeordnet hat. Schließlich schaden Antibiotika ja, wenn man sie zu lange einsetzt, das hört man doch immer wieder. Also verkürzt der Tierhalter die Behandlungsdauer eigenmächtig von beispielsweise sieben auf fünf Tage - genau dies ist ein fataler Fehler! Im Körper des Vogels sind in unserem Beispiel keineswegs alle Bakterien des Stamms A durch das Antibiotikum getötet worden. Einige Bakterien waren besonders kräftig, sie haben überlebt. Zwar sind sie ein wenig geschwächt worden, weshalb sich der Vogel erholt zu haben scheint, aber sie haben die "Giftattacke" von AB 1 trotzdem lebend überstanden. Dies bedeutet, dass ihr Immunsystem das Medikament abwehren konnte. Indem sich die verbliebenen Bakterien vermehren, geben sie ihre Gene weiter an die nächste Generation, die ebenfalls kräftig ist. Bei dem Vogel flammt die Erkrankung nach einiger Zeit erneut auf, man spricht hierbei von einem Rückfall. Nun setzt der Tierarzt ohne von der zu früh beendeten Therapie etwas zu ahnen wieder dasselbe Medikament, nämlich AB 1, ein. Aber wie wir wissen, hat sich der Bakterienstamm A inzwischen weiterentwickelt. Die Nachfahren der überlebenden Bakterien haben von dem Medikament nichts zu befürchten, sie haben von ihrer Vorgängergeneration alle Eigenschaften geerbt, die sie besonders widerstandsfähig gegen das eingesetzte Präparat machen. Das heißt: Dieser und den darauf folgenden Generationen von Bakterienstamm A kann das Medikament AB 1 nichts mehr anhaben. Obwohl der Vogelhalter das Medikament gemäß der Anordnung des Tierarztes einsetzt, wird der Vogel nicht gesund und wichtige Zeit geht verloren, denn die Bakterien schwächen das erkrankte Tier von Tag zu Tag mehr. Im schlimmsten Fall stirbt der Vogel trotz der eingeleiteten Therapie, und nicht selten schimpfen die Tierhalter dann auf den behandelnden Tierarzt, den jedoch keinerlei Schuld trifft. In der Zwischenzeit haben sich die Bakterien während der erneuten Therapie mit AB 1 so stark verändert und es hat eine so gravierende Mutation stattgefunden, dass man von einem neuen "Stamm" sprechen kann, der ab sofort Bakterienstamm B genannt wird. Bakterienstamm B ist wie bereits erwähnt völlig immun gegen AB 1. Gelangen nun Bakterien des Stammes B in den Körper eines Vogels, erkrankt dieser und wird mit vom Tierarzt, der nichts Böses ahnt, mit dem Standardmittel AB 1 behandelt. Der Zustand des Vogels bessert sich nicht, also wählt der Tierarzt ein anderes Präparat (AB 2). Es wirkt und der Besitzer des zweiten Vogels setzt es eigenmächtig zu früh ab, er begeht denselben Fehler wie der erste Tierhalter. Und wieder wird ein Bakterienstamm immun gegen ein Antibiotikum, entwickelt sich weiter und erlangt stärkere Überlebensfähigkeit. Am Ende liegt Bakterienstamm C vor, der gegen AB 1 und AB 2 immun ist. Anhand dieses Beispiels, das einen äußerst komplizierten Zusammenhang stark vereinfacht wiedergibt, wird deutlich, weshalb ein Antibiogramm erstellt werden muss und weshalb ein Tierhalter niemals eigenmächtig eine Therapie verkürzen sollte. Durch diese Therapieabbrüche züchten Tierhalter mit der Zeit - freilich ohne es zu wollen - echte "Superbakterien" heran, die gegen alle gängigen Medikamente immun sind. Die Pharmaforschung steht deshalb in einem ständigen Wettlauf mit den Erregern, sie muss immer neue, schlagkräftigere Medikamente entwickeln. Bei Menschen, also in der Humanmedizin, existiert aus dem oben beschriebenen Grund bedauerlicherweise bereits ein solcher Supererreger, der Lungenentzündungen hervorruft und der gegen alle derzeit verfügbaren Antibiotika immun ist. Deshalb sterben viele Menschen, die mit dem Bakterienstamm infiziert sind, eine Therapie mit Antibiotika ist nicht möglich! Auch bei Tieren könnte es eines Tages so weit kommen. Es ist demnach von allergrößter Wichtigkeit, sich strikt an die Anweisungen des behandelnden Tierarztes zu halten, um die Entwicklung solcher extrem resistenter Bakterienstämme bei Vögeln möglichst zu verhindern. Linktipp: Möchten Sie sich mit mir und anderen Vogelexperten sowie mit Wellensittichhaltern über Vogelkrankheiten austauschen? Dann besuchen Sie das Krankheiten-Forum |
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