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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang
zum Tierarzt ersetzen!
Immer wieder kommt es vor, dass ein Vogel plötzlich nicht mehr fliegen kann oder gar von Geburt an flugunfähig ist. Die möglichen Ursachen hierfür sind breit gefächert. Wenn ein Vogel, der zuvor flugfähig war, ohne ersichtlichen Grund nicht mehr fliegen will, dann sollte man unbedingt einen
fachkundigen Tierarzt aufsuchen, um der Ursache auf den Grund zu gehen. "Mein Vogel will halt nicht fliegen, aber er ist ja ansonsten munter, deshalb mache ich mir keine Sorgen." - Dieser Ansicht sind leider viele Tierhalter und dem betroffenen Vogel bleibt der Gang zum Tierarzt verwehrt, was fatale Folgen haben kann. Vögel entscheiden sich nicht freiwillig gegen das Fliegen, denn als Wesen der Lüfte ist es für sie ein
grundlegendes Bedürfnis, sich fliegend fortzubewegen! Deshalb sollte man Flugunfähigkeit oder massive Flugfaulheit nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Dieses Kapitel stellt Ihnen eine Reihe von Ursachen für eine angeborene oder plötzlich auftretende Flugunfähigkeit vor. Neben einigen offensichtlichen Ursachen zeigt es auch Faktoren auf, die dem menschlichen Auge auf den ersten Blick verborgen bleiben
können.
Übergewicht
Ist ein Vogel stark
übergewichtig, kann
dieser Zustand zu einer Beeinträchtigung
seiner Flugfähigkeit bis hin zu ihrem kompletten Verlust führen. Die
Muskulatur eines stark übergewichtigen Vogels ist zu schwach, um die überflüssigen
Fettpolster emporheben zu können. Oder die inneren Organe sind
durch das Übergewicht angegriffen (verfettet), wodurch die Anstrengung beim Fliegen zu groß ist und der Vogel sie deshalb instinktiv meidet, um keinen tödlichen Schock zu erleiden.
Denn befindet sich im Körper zu viel Fett, ist die Atmung
beeinträchtigt, weil Lungen und Luftsäcke zu wenig Platz haben.
Dadurch kann die Sauerstoffzufuhr unter körperlicher Belastung zu
gering sein - ein Kreislaufkollaps droht. Eine durch Übergewicht
hervorgerufene Flugunfähigkeit
lässt sich vor allem dann beheben, wenn der Vogel "nur"
zu viel Fett unter der Haut eingelagert hat und nicht an einer schweren Organverfettung leidet. Verliert er an Gewicht, kehrt meist auch wieder die Lust am Fliegen zurück. In Eigenregie eine Diät einzuleiten, ist jedoch nicht ratsam.
Denn würde die Ernährung eines Vogels mit Organschäden ohne Absprache
umgestellt, könnte dies fatale Folgen haben. Ein
übergewichtiger Vogel sollte deshalb unbedingt von einem Fachtierarzt, der sich auf die Behandlung von Vögeln spezialisiert hat, untersucht werden. In Absprache mit dem Tierarzt können Sie die Ernährung des Vogels umstellen und ihn mit sanftem Flugtraining wieder in Form bringen. Tipps zum Thema
gesundes Futter finden Sie in der
Ernährung-Rubrik dieses Internet-Projekts.
Achtung:
Auch ein Tumor kann
dazu führen, dass ein Vogel nicht mehr fliegen kann. Das zusätzliche
Gewicht der Wucherung kann ihn dazu bringen, sich nicht mehr in die
Lüfte schwingen zu können. Ein Tierarzt kann herausfinden, ob ein
Tumor im Einzelfall zu den Flugproblemen führt. |
Verletzungen der Flügel und Schultern
Beim Freiflug oder im Käfig kann sich ein Vogel an den Flügeln
verletzen. Prellungen, Zerrungen und im schlimmsten Fall sogar
Knochenbrüche können die Folge sein.
Lässt ein Vogel plötzlich einen
Flügel hängen und kann er nicht mehr fliegen, sollten Sie ihn
umgehend zum Tierarzt bringen, damit dieser feststellen kann, was Ihrem
Vogel fehlt. Ein nicht fachmännisch behandelter Bruch heilt nicht
richtig und der Vogel bleibt unter Umständen für den Rest
seines Lebens flugunfähig.
Leider sind eine Reihe von Verletzungen kaum mehr therapierbar. So kann es geschehen, dass sich ein Vogel am Schultergelenk verletzt und dadurch zeitlebens flugunfähig bleibt,
obwohl er rasch zum Tierarzt gebracht wird. Dennoch sollte nicht auf de
Arztbesuch verzichtet werden, denn in den Tagen nach dem Auftreten der
Verletzung leidet der Vogel unter Schmerzen, gegen die Ärzte etwas
unternehmen können.
Gelähmte Flügel
Durch starken Vitamin- und Nährstoffmangel oder durch Vergiftungen kann es zu Lähmungen
in der Flugmuskulatur kommen, was jedoch selten eintritt. Meist sind bei
solchen durch Mangelzustände hervorgerufenen Lähmungen die Beine eines Vogels betroffen.
Zudem kann eine schlaganfall-ähnliche Erkrankung zu einer Lähmung führen, die dann allerdings meist halbseitig auftritt
- Bein und Flügel derselben Körperhälfte sind hiervon betroffen, siehe Foto rechts. Durch eine solche Lähmung wird ein Vogel flugunfähig und muss dringend von einem Arzt mit Medikamenten versorgt werden. In manchen Fällen lassen sich die Beschwerden so weit lindern, dass der Vogel später zumindest wieder ein wenig flattern kann. Der Großteil der Patienten erholt sich jedoch nie wieder ganz und bleibt flugbehindert. Weitere Informationen
über Lähmungen finden Sie hier.
Virusbedingte Gefiederstörungen (Französische Mauser und PBFD)
Ziervögel können sich mit Krankheitserregern infizieren, die ihr Gefieder und das Immunsystem schädigen. Zwei Krankheiten betreffen vor allem Wellensittiche: PBFD und die Französische Mauser. Sie werden beide durch Viren verursacht und sind nicht heilbar.
Bei beiden Erkrankungen ist es typisch, dass das Großgefieder ausfällt, nur in seltenen Fällen wächst es im Laufe der Zeit wieder nach. Der rechts gezeigte Vogel
ist bereits als Nestling an der Französischen Mauser erkrankt. Ihm
haben die Schwung- und Schwanzfedern gefehlt, weshalb er zeitlebens flugunfähig
gewesen ist. Durch die Untersuchung einer Blut- oder Federprobe lässt sich feststellen, ob ein Vogel an einer der beiden Virusinfektionen erkrankt ist.
Gefiederwachstumsstörung
In sehr seltenen Fällen kann eine hormonell bedingte Gefiederwachstumsstörung
oder eine aufgrund von Nährstoffmangel entstehende Gefiederstörung dafür verantwortlich sein, dass dem betroffenen Tier große Teile seines Federkleides fehlen. Der Vogel rechts
ist als Jungtier nahezu am gesamten Körper kaum befiedert gewesen. Im Rahmen einer Hormontherapie
ist sein Organismus so eingestellt worden, dass zumindest das Kleingefieder
nachgewachsen ist. Schwung- und Schwanzfedern haben sich jedoch nicht
gebildet. Das Krankheitsbild sieht dem der Französischen Mauser oder dem von PBFD zum Verwechseln ähnlich. Ohne die Untersuchung einer Blut- oder Federprobe lässt sich keine gesicherte Diagnose stellen.
Erkrankungen der Atemwege
Sind die Atemwege eines Vogels durch Krankheitserreger wie Bakterien oder durch Parasiten (zum Beispiel Luftsackmilben) angegriffen, so ist die Sauerstoffversorgung des Körpers nicht mehr vollständig gewährleistet. Ein Vogel, der nicht frei atmen kann, meidet instinktiv jede Anstrengung, um nicht in Not zu geraten (Abstürze, etc.). Deshalb stellen Vögel, die an einer Erkrankung der Atemwege leiden, häufig das Fliegen ein.
Flugunfähigkeit durch Koordinationsstörungen
Infolge einer schweren Kopfverletzung, zum Beispiel bei einer
Gehirnerschütterung, oder einer Erkrankung des zentralen Nervensystems
sowie bei einer
Entzündung im Bereich des Gehirns kann es zu Störungen der Bewegungskoordination kommen. Vielen betroffenen Vögeln ist es nicht möglich, sich fliegend fortzubewegen, weil sie die hierfür erforderlichen Bewegungen nicht mehr ausführen können. Je früher die Tiere fachkundig behandelt werden, desto höher sind die Chancen auf eine nahezu vollständige Genesung.
Knochenfehlstellungen im Bereich der Wirbelsäule
In
sehr seltenen Fällen sind angeborene Fehlstellungen der Knochen im Bereich der Wirbelsäule ein Grund für eine Flugunfähigkeit. Das Rückgrat des rechts gezeigten Vogels ist - sehr wahrscheinlich von Geburt an - so schief
gewesen, dass die Flügel herab hingen und er nicht fliegen konnte. Solche Fehlstellungen der Knochen und Gelenke lassen sich auf Röntgenbildern leicht erkennen.
Bedauerlicherweise lassen sich derartige Knochenfehlstellungen nicht therapieren, betroffene Vögel bleiben zeitlebens flugunfähig.
Knochenfehlstellungen durch Nährstoffmangel
Erleidet ein junger Vogel während der Wachstumsphase eine längere Hungerperiode oder wird er von seinen Eltern mit Futter versorgt, dessen Nährstoffgehalt zu gering ist, können seine Knochen nicht ausreichend aushärten. Sie geben unter der kleinsten Belastung nach, und sei es auch nur eine wärmende Vogelmutter, die sich auf ihre Küken legt. Diese Krankheit, bei der ein Vitamin-D- und Kalziummangel zum Verbiegen der Knochen führt, nennt sich Rachitis (oder Osteomalazie, wenn Altvögel daran erkranken). Die Rachitis betrifft bei Jungvögeln vor allem die Beine, aber auch die Wirbelsäule kann hierdurch in eine Fehlstellung geraten, die zu einer lebenslangen Flugunfähigkeit führt.
Ausschließliche Käfighaltung
Immer wieder kommt es vor, dass Vögel von ihren Besitzern nicht aus dem Käfig gelassen werden. Sei es, weil ihnen der Nagetrieb der Tiere gegen den Strich geht oder sei es, weil sie "keine Zeit" zur Beaufsichtigung der frei fliegenden Tiere haben. Die Gründe, die in solchen Fällen genannt werden, sind vielfältig.
Das Resultat langer Käfighaltung ist unschön: Betroffene Tiere leiden unter einer enormen Verkümmerung der Flugmuskulatur und sie müssen nach Absprache mit dem behandelnden Tierarzt erst wieder behutsam an das Fliegen gewöhnt werden.
Vorsicht, es besteht anfangs eine hohe Unfallgefahr für die nicht geübten "Flieger"!
Altersschwäche
Einige sehr hoch betagte Vögel haben nicht mehr genügend Kraft zum Fliegen. Bei Wellensittichen tritt die Flugunfähigkeit aufgrund von Altersschwäche jedoch in aller Regel nicht vor dem 14. Lebensjahr auf. Ein Vogel, der sechs oder sieben Jahre alt ist und plötzlich nicht mehr fliegen kann, leidet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an einer
ernsthaften Erkrankung und nicht an Altersschwäche. In seinem Fall zu argumentieren, er sei schon alt und könne vermutlich deshalb nicht mehr fliegen, wäre grob fahrlässig. Das Foto in diesem Absatz zeigt eine über 16 Jahre altes Wellensittichweibchen, das aufgrund seines hohen Alters nicht mehr fliegen konnte.
"Flugangst"
Erleidet ein Vogel während des Freiflugs einen schweren Unfall, der ihm große Schmerzen verursacht, so kann es geschehen, dass er nach dem Abheilen der körperlichen Wunden trotzdem nicht mehr fliegen will. Angst vor einem erneuten Unfall blockiert ihn und er möchte sich nicht mehr in die aus seiner Sicht gefährliche Situation begeben.
Flugangst kommt unter Vögeln jedoch nur extrem selten vor, so dass man unbedingt vom Tierarzt kontrollieren lassen sollte, ob tatsächlich sämtliche
körperlichen Verletzungen, die aus einem Unfall hervorgegangen sind, vollständig verheilt sind, bevor man die Flugunfähigkeit vorschnell mit einer Phobie begründet.
Was man auf gar keinen Fall tun sollte
Immer wieder wird Vogelhaltern in Bezug auf einen flugunfähigen Vogel der Rat gegeben, den gefiederten Patienten zu trainieren. Man solle ihn in die Luft werfen, dann würde er seine Flügel schon benutzen und somit die Muskulatur trainieren. Angefangen vom Zoofachhändler über Züchter bis hin zu Tierärzten gibt es immer wieder Zeitgenossen, die diesen "guten Tipp" parat haben. Aber man sollte ihn auf gar keinen Fall
beherzigen.
Es ist unverantwortlich, einen Vogel, der aus unbekannten Gründen nicht fliegt, in die Luft zu werfen, um ihn zum Fliegen zu zwingen! Eventuell liegt eine so gravierende Erkrankung vor, dass der Vogel nicht fliegen kann. Somit kann er den Sturz nicht abbremsen und schlägt mit hohem Tempo auf den Boden, wobei er sich schwere innere Verletzungen und Knochenbrüche zuziehen kann.
Wenn Sie - nach Absprache mit einem
vogelkundigen Tierarzt - einen Vogel dazu bringen wollen, seine Flugfähigkeiten zu trainieren, dann sollten Sie ihn ausschließlich über einer
weichen Unterlage (zum Beispiel ein Bett oder großes Kissen) aus
niedriger Höhe fallen lassen. Bedenken Sie unbedingt, dass der Vogel
sich in dieser Situation höchstwahrscheinlich fürchtet. Gehen Sie
deshalb behutsam mit dem Tier um. Wichtig ist, sein Selbstvertrauen
zu stärken und es nicht zu untergraben, indem der Vogel in Todesangst
versetzt wird, weil er ständig stürzt. Er weiß nicht, dass er auf
einen weichen Untergrund prallt und ist deshalb verängstigt. Das
Flugtraining ist deshalb eine sehr heikle Angelegenheit.
Leben mit flugunfähigen Vögeln
In der Rubrik
"Vögel mit Handicap"
finden Sie einige Kapitel, in denen beschrieben wird, wie man
flugunfähigen Vögeln trotz ihrer körperlichen Einschränkung
ein schönes Leben ermöglichen kann. Linktipp: Möchten Sie sich mit mir und anderen Vogelexperten sowie mit Wellensittichhaltern über Vogelkrankheiten austauschen? Dann besuchen Sie das Krankheiten-Forum von .
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