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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!
Die folgende Situation ist eine der häufigsten, in der es zu einem Kollisionsunfall kommen kann: Zwei im Schwarm gehaltene Vögel tragen eine kleine Streitigkeit aus und beginnen damit, einander im Flug zu jagen. Sie schlagen Haken in der Luft und konzentrieren sich mehr auf den Artgenossen als auf ihre Umgebung, die ihnen normalerweise vertraut ist. Sehr leicht kann es geschehen, dass einer der Vögel einem Hindernis zu spät ausweicht und mit hohem Tempo dagegen prallt, obwohl er diesem unter normalen Umständen stets ausgewichen ist. Auch wenn sich Vögel erschrecken, weil sie zum Beispiel in der Nacht von einem ungewohnten Geräusch beziehungsweise durch ein plötzlich aufflackerndes Licht aus dem Schlaf gerissen wurden oder am Tage durch ein Fenster einen Greifvogel am Himmel erblickt haben, können sich Kollisionsunfälle ereignen. Geraten Vögel in Panik, fliegen sie mit hohem Tempo davon, ohne auf Hindernisse zu achten, die sie im Alltag für gewöhnlich gekonnt umfliegen. Ferner kann es geschehen, dass sich mehrere Vögel gegenseitig im Flug vom Kurs abbringen und so mindestens ein Vogel mit einem harten Gegenstand zusammenstößt. Besonders gefährdet sind Jungtiere, die soeben das Nest verlassen haben und das Fliegen gerade erst erlernen. Zwar mögen die Flügel sie bereits tragen, aber Richtungswechsel, Änderungen der Geschwindigkeit und kontrollierte Landungen sind den unerfahrenen Fliegern nicht angeboren und müssen trainiert werden. Deshalb endet so mancher Jungfernflug eines soeben flügge gewordenen Jungvogels mit einem heftigen Aufprall. Die Mehrzahl der Kollisionsunfälle verläuft nach einem ähnlichen Schema: Ein Vogel fliegt mit mehr oder minder hohem Tempo mit dem Kopf voran gegen ein Hindernis. Beim Aufprall erleidet er insbesondere im Bereich des Kopfes leichte bis schwere Verletzungen. Einige Vögel versuchen dem Hindernis in letzter Sekunde auszuweichen oder prallen seitlich dagegen, dabei können sie sich an den Flügeln verletzen. Meist folgt nach der Kollision ein Sturz in die Tiefe, bei dem zusätzliche Blessuren am Rumpf, an den Beinen sowie an den Flügeln entstehen können. In diesem Kapitel werden die häufigsten Verletzungen sowie gängige Erste-Hilfe-Maßnahmen beschrieben. Diese Sofortmaßnahmen sollten niemals eine Behandlung durch einen fachkundigen Tierarzt ersetzen!
Schädel-Hirn-Trauma/Hirnblutung
Durch eine Flüssigkeitsansammlung innerhalb des Schädels, ein sogenanntes Hirnödem, kommt es häufig dazu, dass ein Auge (selten beide) nach außen gedrückt wird. Die daraus entstehende Wölbung ist selbst für einen medizinischen Laien deutlich zu erkennen. Außerdem leiden Vögel nach einer Hirnblutung meist an Krämpfen, die den gesamten Körper betreffen. Auch Fehlstellungen des Kopfes - starke Neigung zur Seite oder Verdrehen um 180 Grad - können auftreten. Ein weiteres mögliches Merkmal dieser Art der Kopfverletzung ist, dass sich betroffene Vögel immerzu im Kreis drehen. Unmittelbar nach dem Unfall sollte der Vogel an einem nicht zu kühlen, ruhigen und dunklen Ort in einem kleinen, gepolsterten Käfig ohne Stangen untergebracht werden. Auf keinen Fall sollte man das Tier mit einer Wärmelampe bestrahlen, weil sich dadurch die Beschwerden in aller Regel verschlimmern. Der Tierhalter sollte umgehend Kontakt mit einem vogelkundigen Tierarzt aufnehmen. Im Idealfall führt dieser einen Hausbesuch durch, um dem Patienten jedwede Aufregung zu ersparen. Ist dies nicht möglich, muss der Vogel auf dem schnellsten Wege zum Tierarzt transportiert werden. Ein medizinischer Laie kann einem derart schwer verletzten Vogel nach einem Kollisionsunfall nicht mit Hausmitteln helfen. Leider sind die Heilungschancen nach einer Hirnblutung oder einem Schädel-Hirn-Trauma nicht sonderlich hoch; in vielen Fällen bleibt eine Behinderung zurück. Erfahrungsgemäß dauert es Wochen oder gar Monate, bis sich der Vogel einigermaßen erholt hat. Es ist mit dem Tierarzt im Einzelfall zu klären, wie sinnvoll ein Therapieversuch erscheint. Die Erfahrung hat gezeigt, dass vor allem junge Tiere große Selbstheilungskräfte zu haben scheinen. Dass sich bei ihnen der monatelange Pflegeaufwand lohnen kann, zeigt der Fall des Wellensittichweibchens Himalia. Als sie in meine Obhut gelangte, litt sie an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas, das zudem nicht umgehend nach dem eigentlichen Unfall behandelt worden war. Es dauerte lange, bis sich Himalia erholt hatte. Ihr war zum Glück später nichts mehr von der schweren Kopfverletzung anzumerken, an der sie einst gelitten hatte. Sie führte nach ihrer Heilung ein normales Leben im Vogelschwarm.
Gehirnerschütterung
Eine Gehirnerschütterung verursacht Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, starke Kopfschmerzen sowie eine Überempfindlichkeit der Augen gegen Licht und eine hohe Geräuschempfindlichkeit. Deshalb sollten Vögel, die an einer Gehirnerschütterung leiden, nach Möglichkeit in einer dunklen, ruhigen und nicht zu kühlen Umgebung untergebracht werden. Auch bei dieser Art der Erkrankung sollte keine Wärmelampe zum Einsatz kommen, denn durch die Wärme wird die Durchblutung des Kopfes gesteigert, was zu einer massiven Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Patienten führen kann. Ein Tierarzt muss den Vogel möglichst bald untersuchen und Medikamente verordnen. Nach einigen Tagen oder maximal Wochen Ruhe ist der gefiederte Patient meist wieder geheilt.
Schnabelbruch
Das Kleben eines abgebrochenen Schnabels ist nur in seltenen Fällen möglich, oft bleiben die angeklebten Fragmente nicht lang haften. Einen Versuch ist es jedoch immer wert. Viele Tierärzte verfügen allerdings nicht über das nötige Wissen, um Schnäbel kleben zu können. Man sollte deshalb einen auf die Behandlung von Vögeln spezialisierten Tierarzt, also einen vogelkundigen Tierarzt, aufsuchen. Weitere Hinweise zur Behandlung eines Schnabelbruchs finden Sie im gleichnamigen Kapitel.
Platzwunden
Normalerweise heilen fachkundig versorgte und gegebenenfalls genähte Platzwunden relativ rasch und problemlos ab; mitunter muss ein Antibiotikum eingegeben werden. Ein hoher Blutverlust kann das betroffene Tier jedoch enorm schwächen, weshalb einige Tage Ruhe und Schonung sowie in einigen Fällen auch das Reichen gehaltvoller Aufbaukost sinnvoll sind. Manche Vögel müssen nach einem großen Blutverlust für einige Zeit stationär beim Tierarzt aufgenommen werden, um mit Infusionen wieder auf die Beine gebracht zu werden.
Knochenbrüche
Bein- und Flügelbrüche sollten vom Tierarzt untersucht und versorgt werden. Mitunter kommt es aufgrund von Kollisionen zu so schweren (offenen) Brüchen, dass eine Operation notwendig ist, um eine Heilung zu ermöglichen. Die Bruchenden werden hierbei miteinander verdrahtet, sofern dies im Einzelfall möglich ist. Bedauerlicherweise lassen sich nicht alle offenen Brüche mit Hilfe einer solchen Operation richten, so dass eine Amputation des betroffenen Flügels oder Beines die Folge sein kann, sofern man sich nicht für das Einschläfern des Vogels entscheidet. In besonders gravierenden Fällen erleiden Vögel bei einem heftigen Zusammenstoß einen Genickbruch. Leider kommt dann jede Hilfe zu spät und die Tiere sind sofort tot. Mitunter ergibt sich jedoch ein für den Halter sehr schlimmer Fall: Das Genick des Vogels bricht, wobei das Rückenmark aber intakt bleibt und das Tier somit noch am Leben ist. Der Vogel stürzt vom Hals abwärts gelähmt ab und bleibt bei vollem Bewusstsein liegen. Lediglich die Muskeln am Kopf kann er noch bewegen, also beispielsweise die Augenlider und den Schnabel öffnen und schließen. In diesem Zustand kann kein Tier lang überleben, der Todeskampf dauert allerdings viele Stunden. Fasst der Halter sein Tier an, bewegt er den Körper minimal, wodurch das Rückenmark reißen kann. Dadurch tritt der Tod sofort ein. Findet ein Halter sein Tier in einem solchen Zustand noch lebend vor, sollte ein Tierarzt zum sofortigen Einschläfern gerufen werden, wenn es der Halter nicht übers Herz bringt, den Vogel selbst geringfügig zu bewegen und somit die Durchtrennung des Rückenmarks herbeizuführen. Da das Töten von Wirbeltieren medizinischen Laien in Deutschland verboten ist, wäre es rein rechtlich betrachtet die richtige Variante, einen Tierarzt um einen sofortigen Hausbesuch zu bitten, um den nicht transportierbaren Vogel vor Ort einzuschläfern. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass der von einem nicht unmittelbar tödlichen Genickbruch betroffene Vogel höchstwahrscheinlich unter sehr starken Schmerzen leidet, weshalb das Einschläfern sehr schnell erfolgen sollte und nicht erst Stunden später. Die Wirbelsäule kann infolge einer Kollision darüber hinaus an anderer Stelle, also unterhalb des Genicks, brechen. Dies führt meist nicht zum Tod. Wird bei einem solchen Bruch das Rückenmark durchtrennt, was nahezu immer der Fall ist, so ist das gefiederte Unfallopfer von der Bruchstelle abwärts gelähmt. Eine solche Verletzung entspricht einer Querschnittlähmung beim Menschen. Eine Heilung ist nicht möglich. Die Vögel können aufgrund der sehr schweren Behinderung nicht einmal mehr eigenständig Nahrung zu sich nehmen und oft ist die Verdauung durch die Lähmung enorm beeinträchtigt. Querschnittgelähmte Vögel sollte man deshalb durch einen Tierarzt von ihrem Leiden erlösen lassen.
Luftsackverletzungen und -risse
Ein Tierarzt muss den betroffenen Vogel untersuchen und gegebenenfalls den geschwollenen Luftsack punktieren (anstechen), damit die Luft entweichen kann. Zwar ist diese Prozedur für den Vogel nicht angenehm, aber das Punktieren dauert nicht lang und bringt sofortige Linderung, denn der aufgeblähte Luftsack verursacht ein unangenehmes Druckgefühl. Einige Tage Schonung reichen meist aus, um die Verletzung ausheilen zu lassen. Weitere Informationen über Luftsackverletzungen finden sich im entsprechenden Kapitel.
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