|
Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang
zum Tierarzt ersetzen!
Der Hauptteil der
Nahrung
vieler Ziervögel besteht aus
Körnerfutter,
welches die Tiere mit ihren für diesen Zweck
perfekt geformten Schnäbeln ohne Probleme aufnehmen können.
Wie es für die Körnerfresser unter den Vögeln üblich ist,
hängt ihr Überleben daher davon ab, dass ihr Schnabel
vollkommen intakt ist. Bei Papageienvögeln muss der Oberschnabel eine gewisse Mindestlänge aufweisen, damit die Tiere Körner enthülsen können. Verletzen sich Vögel am Schnabel, so kann dies unter Umständen ihren Tod
bedeuten, falls der Schnabel im oberen Bereich abbricht und dadurch zu kurz ist, um eine eigenständige Nahrungsaufnahme zu gewährleisten.
Dieses Problem stellt sich oft nicht nur vorübergehend, denn wird der innere Bereich des Schnabels, also die Wachstumszone beschädigt, dann kann das Schnabelhorn anschließend nicht mehr nachwachsen.
Funktionsweise des Schnabels und Unfallfolgen
Stößt ein im Haus gehaltener Vogel zum Beispiel beim
Freiflug ungebremst gegen ein Hindernis wie eine Fensterscheibe,
kann der Schnabel dadurch abbrechen. In den meisten Fällen ist der
Oberschnabel der Tiere betroffen. Dieser ist frei beweglich und daher
von großer Bedeutung für das Zerteilen und Aufnehmen der Nahrung.
Seltener bricht bei einer Kollision der Unterschnabel eines Papageienvogels ab. Er ist fest
am Kopf angewachsen und nicht frei beweglich, der Oberschnabel schützt ihn bei einem Kollisionsunfall bis zu einem gewissen Grad. Der Unterschnabel dient
den Papageienvögeln bei der Nahrungsaufnahme zum Entspelzen der Körnchen, die mit dem
von innen geriffelten Oberschnabel fixiert werden. Fehlen große
Teile des Oberschnabels, ist der Vogel demnach nicht mehr dazu in der
Lage, die Körner beim Fressen eigenständig zu fixieren, weshalb er sie
nicht mehr eigenständig entspelzen kann. Die Vögel verschlucken
normalerweise jedoch keine Körner, die noch mit Spelzen umhüllt sind.
Ein qualvolles Verhungern
ist demnach in den meisten Fällen die Folge, wenn der Unterschnabel durch einen Unfall
zu Schaden gekommen sind.
Bricht bei einem Vogel ein Stück seines Schnabels ab, muss
dies nicht zwangsläufig sein Todesurteil bedeuten. Je nachdem, wie viel
Schnabelhorn abgebrochen ist, kann der Vogel nach wie vor
eigenständig fressen. Handelt es sich um ein relativ großes
Stück, sollte man den Vogel umgehend zum Tierarzt bringen. Am
besten nimmt man das abgebrochene Stück Schnabel mit, denn je
nachdem, in welchem Bereich des Schnabels die Bruchkante verläuft, kann das
Fragment wieder angeklebt werden. Vor allem bei Großpapageien kann der Schnabel unter bestimmten Umständen mit kleinen Drahtschlingen in einer Operation wieder zusammengefügt werden.
Als Halter eines kleinen Ziervogels sollte man eher nicht damit rechnen, dass ein Ankleben des Schnabelfragments oder das Fixieren mit Draht möglich ist. Vögel wie Wellensittiche sind meist schlicht und ergreifend zu klein, als dass bei ihnen solche Eingriffe möglich wären.
Die Prognose für einen Vogel mit einem zu weiten Teilen abgebrochenen
Schnabel ist denkbar schlecht. Bedauerlicherweise müssen fast
alle Patienten mit einem schweren Schnabelbruch eingeschläfert
werden. Aber es gibt Ausnahmen von dieser traurigen "Regel".
Verläuft die Bruchkante nicht glatt, könnte ein Teil des
Schnabelhorns nach wie vor zum Fixieren der Körner beim Fressen
zum Einsatz kommen. Lernt der Vogel, sich mit der neuen Situation
zu Recht zu finden, kann er trotz seines Schnabelbruchs überleben.
Sein Gewicht sollte unbedingt regelmäßig kontrolliert werden, denn unter Umständen muss vor allem in der ersten Gewöhnungsphase gehaltvolles Breifutter zugefüttert werden, damit der Vogel nicht allzu sehr abmagert.
Neben waagerechten Brüchen kann es auch zu Spaltungen des Schnabels kommen. Eine solche Verletzung ist sehr gravierend und der betroffene Vogel muss sehr genau beobachtet werden. Denn je nachdem, wie tief die Spaltung verläuft, ist von einer Heilung nicht mehr auszugehen und viele betroffene Vögel können nicht mehr selbstständig Nahrung zu sich nehmen. In leichten Fällen ist nur der Schnabel gespalten. Ist der Knochen, also die innere Wachstumszone des Schnabels, in Mitleidenschaft gezogen, fließt meist viel Blut, wenn die Verletzung noch frisch ist und es handelt sich um eine gravierende Wunde. Hat der Vogel sehr großes Pech, ist auch seine Wachshaut (Nasenhaut) gespalten. In manchen Fällen geht einer solchen Schnabelspaltung jedoch keine Verletzung voran, sondern eine schwere bakterielle Infektion, die zu spät behandelt worden ist. Das Foto in diesem Absatz zeigt einen Vogel, dessen Oberschnabel sehr weit gespalten ist. Schnabelspaltungen sind grundsätzlich gefährlich und müssen immer von einem fachkundigen Tierarzt angeschaut und beurteilt werden!
Die ersten Tage nach dem Unfall
In den ersten Tagen nach der Verletzung ist die Bruchkante extrem
schmerzempfindlich. Es kann ständig wieder zu Blutungen kommen,
da das Schnabelhorn in seinem Inneren einen Kern besitzt, der von feinen Äderchen durchzogen ist.
Damit der Vogel trotz seiner Schmerzen frisst, muss man sich als
Vogelhalter etwas einfallen lassen. Am besten füttert man den
gefiederten Patienten mit weicher, nahrhafter Kost. Geeignet ist
beispielsweise hochwertiges Handaufzuchtfutter (nicht zu verwechseln mit Aufzuchtfutter!). Ebenso gut
geeignet ist für den Notfall und zur Überbrückung bis zum Eintreffen des Handaufzuchtfutters püriertes Obst oder Gemüse mit beigemengten
Körnern, die zuvor entspelzt werden müssen. Von Hand ist dies
eine mühsame Angelegenheit.
Geben Sie zum Entspelzen von Hand die Körnchen
zwischen ein gefaltetes Stofftuch und schlagen Sie vorsichtig mit einem
Nudelholz auf die Körnchen. Bitte nicht so fest zuschlagen, dass
sie zerbrechen! Lediglich die Spelzen sollen gelockert werden. Nachdem
sie gelockert sind, müssen Sie mit dem Nudelholz über das
Tuch rollen, um die Körnchen auf diese Weise von den Spelzen zu
befreien. Bei einigen Körnern werden Sie mit Sicherheit
anschließend mit den Fingernägeln nachhelfen müssen,
aber die Mühe lohnt sich, sofern ihr Tierarzt dem Sittich eine
Überlebenschance eingeräumt hat.
Eine weitere Option, die erheblich weniger Mühe bereitet, ist
das Verfüttern geschälter Speisehirse, die im Reformhaus, in Naturkostläden und in Drogeriemärkten erhältlich ist. Wenn Sie
die Hirsekörner über Nacht einweichen, sind sie erheblich
weicher und werden von verletzten Vögeln bereitwilliger angenommen.
Verfüttern Sie auf keinen Fall über mehrere Tage
ausschließlich Speisehirse, denn es kommt sonst unweigerlich
zu Mangelerscheinungen!
Sie sollten die spezielle
Ernährungssituation ihres Vogels unbedingt mit einem Tierarzt
durchsprechen. Vermutlich wird Ihnen der Tierarzt einen Futterzusatz
geben, der Vitamine und andere für den geschundenen Vogelkörper
wichtige Stoffe enthält. Derart gerüstet und mit ein wenig
Mühe können Sie ihrem verunglückten Vogel über
die schlimmste Zeit hinweghelfen.
Sobald die Bruchkante nicht mehr
schmerzt, wird der Vogel von selbst mit der Nahrungsaufnahme beginnen.
Behalten Sie ihn gut im Auge, denn er muss so viel Nahrung
eigenständig aufnehmen können, dass er nicht langsam aber
sicher verhungert. Sicherlich wird aus dem Vogel nie mehr
ein übergewichtiger Wonneproppen. Zu dünn sollte er jedoch
ebenfalls nicht für den Rest seines Lebens sein. Deshalb ist es von großer Bedeutung, den Patienten regelmäßig zu wiegen. Ihr Tierarzt wird Ihnen sicher gern dabei behilflich sein, ein akzeptables Mindestgewicht für den Vogel zu benennen und zudem den Ernährungszustand zu beurteilen.
Erstaunliche Ausnahmen
Ein eindrucksvolles Beispiel für den Überlebenswillen eines verunglückten Vogels war der rechts abgebildete
Wellensittich
Kiki. Während des Freiflugs prallte er gegen eine Glastür und weite Teile seines Oberschnabels brachen durch diese Kollision ab. Seine damalige
Besitzerin gab den Vogel jedoch nicht gleich auf und päppelte ihn
anfangs von Hand. Schnell lernte Kiki, sein Fressverhalten umzustellen und eine kleine hervorstehende Kante seines verbliebenen Schnabels dazu zu nutzen, Körnchen zu enthülsen.
Kiki erlitt diesen Unfall im Alter von circa acht Jahren. Weil bei dem Unfall die Wachstumszone des Schnabels verletzt worden ist, wuchs zeitlebens das Schnabelhorn nicht mehr nach. Der Wellensittich gelangte im Alter von über 13 Jahren in meine Obhut und lebte in meinem Vogelschwarm noch einige Jahre. Kurz nach seinem 17. Geburtstag starb Kiki an Altersschwäche.
Ein weiterer höchst bemerkenswerter Fall ist der recht und unten gezeigte Unzertrennliche. Als das Foto entstand, war sein Unterschnabel bereits seit einem halben Jahr vollständig abgebrochen. Der Vogel hat es geschafft, sich trotz des fehlenden Unterschnabels am Leben zu halten, er ist nicht verhungert. Dies ist höchst erstaunlich, weil Papageienvögel ihren Unterschnabel zum Fixieren und Öffnen des Körnerfutters
benötigen. Möglicherweise hat sich der Vogel durch das Fressen von reichlich weicher Frischkost am Leben gehalten. Anders ist sein Fall nicht zu erklären.
Offene Worte zum Schluss
Selbstverständlich hängt man als Vogelhalter an seinem Tier.
Wenn der Vogel krank ist, tut man meist alles, um ihn zu retten. Das
ist schön und gut, aber man sollte dennoch nicht den Blick für
das Wesentliche verlieren: die Lebensqualität des Tieres.
Gehen Sie bitte in sich und überlegen Sie sich sorgfältig,
ob Sie ihrem Vogel ein Leben mit einem abgebrochenen Schnabel zumuten
können.
Nicht jeder Vogel ist eine Kämpfernatur, manche
Tiere leiden extrem unter einer solchen Situation. Niemand kennt Ihren
Vogel besser als Sie. Es liegt zu großen Teilen an Ihnen, ob Ihr
Tier glücklich ist oder nicht. Aus falscher Tierliebe - sprich
aus purem Egoismus - heraus werden oftmals Vögel von ihren
Besitzern am Leben erhalten, die objektiv betrachtet kein angenehmes Leben
führen. Bitte sprechen Sie offen und ehrlich mit Ihrem Tierarzt
über dieses Thema, falls Ihr Vogel einen Schnabelbruch erlitten
haben sollte.
Linktipp: Möchten Sie sich mit mir und anderen Vogelexperten sowie mit Wellensittichhaltern über Vogelkrankheiten austauschen? Dann besuchen Sie das Krankheiten-Forum von .
Dieses Kapitel auf Türkisch bei muhabbetkusu.org
|