Im September 2009 erfuhr ich von einer begeisterten Vogelhalterin, die
ich seit Jahren kannte, dass einer ihrer Katharinasittiche ein schweres
Handicap zu tragen hatte. Der Vogel lebte mit mehreren Artgenossen in
einer Außenvoliere und kam dort nicht mehr sonderlich gut
zurecht, denn die Sehfähigkeit des Weibchens schwand zusehends.
Das rechte Auge trübte sich mehr und mehr ein, und außerdem
konnte Kimmy nicht richtig fliegen, teilte mir die besorgte
Vogelhalterin mit. Weil mein Vogelzimmer für gehandicapte Tiere
eingerichtet ist, habe ich mich dazu entschlossen, Kimmy ein Zuhause zu
geben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits vier weitere
Katharinasittiche: Bianca, Tico, Enrique und Smoky.
Dass die Vögel zu fünft eine eingeschworene Gemeinschaft
bilden könnten, wusste ich daher, dass sie sich alle mit dem
wenige Wochen zuvor gestorbenen Costa bestens verstanden hatten. Also
zog Kimmy am 2. Oktober 2009 bei mir ein.
Zu
diesem Zeitpunkt war die Vogeldame etwa sechs Jahre alt, das besagt ihr
Ring, der als Geburtsjahr 2003 ausweist, allerdings wirkte Kimmy viel älter -
wer weiß, warum das so war. Bevor der Vogel im November
2007 zu seiner vorherigen Besitzerin gelangt ist, hatte er bereits ein
anderes Zuhause, in dem er fast vier Jahre gelebt hatte. Dort soll
Kimmy angeblich von einer Katze erwischt worden sein, unter anderem
deshalb ist sie seinerzeit abgegeben worden. Diese Geschichte klingt
allerdings ein wenig seltsam, denn kurz vor dem Einzug in mein
Vogelzimmer hat mein auf die Behandlung von Vögeln und Reptilien
spezialisierter Tierarzt Kimmy untersucht. Er konnte keine Hinweise
darauf finden, dass der Vogel jemals von einer Katze verletzt worden
ist - normalerweise hinterlässt ein solcher Angriff Narben.
Zudem
war leider nie herauszufinden, weshalb Kimmy nicht fliegen konnte. Sie
schien
keine Kraft in den Flügeln zu haben, ihre Schwingen trugen sie
nicht. Das Gefieder war bei ihrem Einzug in mein Vogelzimmer durch
vorangegangene Abstürze ein wenig angestoßen, aber davon
abgesehen war der hübsche Sittich in einem sehr guten Zustand.
Anfangs war Kimmy verwirrt, denn in der neuen Umgebung herrschte eine
andere Temperatur (es war wärmer als in der Außenvoliere),
die Geräusche waren anders und sie kannte keinen der anderen
Vögel, weder die vier Katharinasittiche, noch die seinerzeit 18
Wellensittiche. Doch Kimmy brauchte nur zwei Tage, um sich
einzugewöhnen. Schnell fand sie trotz ihrer schweren
Seheinschränkung die "Frischkostbar", die
Körnerfutternäpfe und auch den Trinknapf. Beim Gehen
über den Boden nutzte sie den Schnabel wie einen Blindenstock und
ertastete ihre Umgebung.
Mit den anderen Kathis nahm sie schnell Rufkontakt auf, und bald gesellte sich auch schon der erste Artgenosse zu ihr: Tico.
Er war sehr neugierig und brabbelte direkt auf Kimmy ein, die sich über
so viel Aufmerksamkeit sehr zu freuen schien. In ihrem ehemaligen
Zuhause in der Außenvoliere ist sie eine Einzelgängerin gewesen, die
keinen Anschluss an die anderen Vögel gefunden hatte. Ob dies mit ihrem
Sehfehler zu tun hatte oder mit den Schwierigkeiten beim Fliegen, ist
schwer zu sagen. Meine Katharinasittiche sind mit gehandicapten Vögeln
vertraut, so dass der Umgang zum Glück ungezwungen ist. Kimmy hat
entsprechend schnell Freundschaft mit ihnen geschlossen, was ich
natürlich wunderschön fand.
Doch kurz nach Kimmys Einzug ist noch etwas geschehen, das
wirklich ausgesprochen bemerkenswert war. Der zu dieser Zeit
jüngste und draufgängerischste Wellensittich Chandra
hat sich gleich zu dem neuen Katharinasittich hingezogen gefühlt.
Erst dachte ich, das junge Weibchen würde Kimmy ärgern
wollen, denn ihresgleichen gegenüber verhält sich Chandra oft
alles andere als charmant. Voller Argwohn habe ich den Wellensittich
deshalb von der wehrlosen Kimmy weggejagt, weil ich davon ausgegangen
bin, Chandra würde in dem halb blinden Vogel ein leichtes Opfer
ihrer ruppigen Streiche finden. Doch weit gefehlt! Chandra hat Kimmy
sofort in ihr Herz geschlossen und sie quasi "adoptiert". Am Tag nach
dem Einzug des Katharinasittichs habe ich zum ersten Mal beobachtet,
wie die Wellensittichdame ihre neue Freundin gefüttert und sanft
gekrault hat. Seitdem bot sich mir dieser niedliche Anblick
öfter. Warum sich Chandra so sehr für Kimmy interessierte,
wird ihr Geheimnis bleiben, aber ich fand es rührend.
Doch Chandra ist - zumindest vorübergehend - nicht Kimmys einzige Freundin unter den Wellensittichen geblieben. Bob
hielt sich zu seinen Lebzeiten ebenfalls gern in ihrer Nähe auf, manchmal kuschelten
sich die beiden Vögel sogar aneinander und schliefen Schulter an
Schulter. Und natürlich hat Kimmy auch unter den Katharinasittichen
besonders enge Freundschaften geschlossen. Regelmäßig kamen Tico oder Smoky
vorbei und fütterten Kimmy an ihrem Lieblingsplatz, einer
umgedrehten und auf den Boden gestellten Nagerweidenbrücke, unter
der sie sich gern ausruhte.
Oft
hat sich auch Bianca
zu ihr und gemeinsam mit Kimmy unter der
Nagerweidenbrücke geschlafen. Leider ist Bianca im Februar 2011 gestorben.
An jenem Tag hat ihre beste Freundin, Kuschelgefährtin und treue
Kraulerin verloren. Die Streicheleinheiten musste ich ihr daraufhin wieder
geben - eine Aufgabe, die ich gern übernahm. Anfangs hatte Kimmy
übrigens Angst vor Menschen, doch sie hat schnell
gelernt, dass ich ihr nichts Böses will. Mir gegenüber ist
sie rasch zutraulich geworden und schon wenige Monate nach
ihrem Einzug ins Vogelzimmer hat sie sich vertrauensvoll in meine Hand
gekuschelt und von mir kraulen lassen. Bis zu ihrem Tod haben wir oft
ausgiebig diese Momente der Vertrautheit genossen. Am 5. Juni 2011 ist
Kimmy infolge eines Hitzschlags gestorben. In meiner
Dachgeschosswohnung ist es recht warm gewesen, was dem Vogel früher
nicht viel ausgemacht hatte. Doch an dem Tag ist es zu viel gewesen und
trotz aller sofort eingeleiteten Erste-Hilfe-Maßnahmen haben ihre
Organe diese Belastung letztlich leider nicht mehr meistern können. Ich
werde diese unbeschreiblich bezaubernde Vogeldame nie vergessen und ich
bin froh, dass ich sie kennen lernen durfte.
Kimmys Farbschlag nennt sich Cremino. Das Gefieder war
cremefarben und die Augen ware rot; sie sah also genauso aus wie ihre
Schwarmgefährtin Bianca.
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