Als er zu mir gelangte, war der wildfarbene Katharinasittichmann
völlig verstört und er reagierte geradezu panisch, wenn sich ihm ein Mensch auf weniger als zwei Meter näherte. Was ihm in der Obhut seines ehemaligen
Besitzers Schreckliches widerfahren war, konnte er leider nicht in Worte fassen.
Sein geradezu panisches Verhalten, welches er in der ersten drei Jahren in meinem
Vogelzimmer an den Tag legte, sprach jedoch Bände. Es zeugte von
viel Leid und Angst, Merlin scheint in der Vergangenheit furchtbare
Dinge erlebt zu haben, die ihn und seine damalige Partnerin
Nimue gleichermaßen betroffen haben. So, wie er beispielsweise auf erhobene Hände reagierte, vermute ich, dass beispielsweise nach ihm geschlagen wurde.
Auch scheint er oft gegen seinen Willen gegriffen und festgehalten worden zu sein. Mit der Zeit wurde er zusehends gelassener, wenn ich mich im Vogelzimmer
aufhielt. Nach drei Jahren war es so, dass ich mich ihm bis auf wenige
Zentimeter nähern konnte. Er blieb ruhig und entspannt, sofern ich
mich langsam bewegte und meine Hände nicht in seine Nähe hielt.
Das versetzte ihn nach wie vor in Angst und Schrecken.
Sein seelisches Leid schrie er seit seinem Einzug buchstäblich aus sich heraus, er war das, was in der Fachsprache als "Schreier" bezeichnet wird. Papageienvögel, die traumatische Erlebnisse hatten, entwickeln typische Verhaltensauffälligkeiten, darunter auch permanentes monotones Schreien. Leider legte Merlin dieses Verhalten auch nach seiner Eingewöhnung in meinem Vogelzimmer gelegentlich an den Tag, er hat nie ganz damit aufgehört, obwohl er längst ein sorgenfreies Leben in einem kleinen Katharinasittichschwarm führte.
Wer einmal gehört hat, wie laut Katharinasittiche trotz ihrer vergleichsweise geringen Körpergröße schreien können, der weiß sicher, wie wenig begeistert ich von seinem Gekreische war, wenn er seine "dollen fünf Minuten" hatte. Bei seinem Schreien handelte es sich nicht um typische Katharinasittich-Kontaktrufe, denn selbst seine Artgenossen wichen ihm aus, wenn er wieder einmal einen seiner "Kreischanfälle" bekam.
Aber Merlin ist alles in allem zugänglicher geworden und ließ später außer mir auch fremde Menschen bis zu einem bestimmten Punkt an sich heran. Besonders
spannend schien er es zu finden, wenn ich seine Lautäußerungen
nachahmte, denn dann schaute er mich mit seinen großen
dunklen Augen neugierig an.
Wenn ihm meine Anwesenheit zu viel wurde, dann drohte er mir, indem er mit dem Schnabel knirschte und dabei mit den Schwanzfedern fächerte. Ganz geheuer schienen ihm Menschen also leider nach wie vor nicht zu sein, obwohl er längst gemerkt haben müsste, dass ich ihm niemals irgendetwas Böses hätte antun wollen.
In Bezug auf den Umgang mit den anderen Vögeln meines Schwarms ist aus dem verstörten Federbündel ein selbstbewusster,
munterer Geselle geworden, der seine Lebensfreude von morgens bis abends
auslebte. Er kletterte gern und hing dann minutenlang kopfüber von einer Schaukel. Oder aber er schmuste stundenlang mit seinen Artgenossen. Mitunter ärgerte er auch die Wellensittiche, oder besser gesagt manche von ihnen.
Unter den kleinen australischen Sittichen hatte er einige mehr oder minder enge Freunde gefunden.
Als Merlin gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin Nimue ins Vogelzimmer einzog, musste er sich erst einmal langsam an die Freiheit gewöhnen, siehe Bericht. Einige Monate später starb seine Partnerin leider und er war allein unter Wellensittichen. Das gefiel mir nicht und ich wollte unbedingt eine neue Frau für ihn finden, obwohl er ständig mit dem männlichen Wellensittich Max schmuste, der jahrelang sein bester Freund war. Einen Katharinasittich zu finden, der wie er ein Abgabevogel aus dem Tierschutz sein sollte, war damals jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Obwohl ich alle Hebel in Bewegung setzte, fand ich keine Partnerin für ihn, aber dann kam mir die zündende Idee: Ich habe eine Kontaktanzeige
("Eine Frau für Merlin")
für den Vogelmann verfasst und sie brachte endlich den lang ersehnten Erfolg - wenn auch mit tatkräftiger Unterstützung einiger lieber Leute aus einem Katharinasittich-Forum . Seit Anfang Februar 2004 wohnt die
zauberhafte Bianca
bei uns und sie eroberte rasch sein Herz. Einige Zeit später zogen dann noch Costa und Rica ins Vogelzimmer ein, mit denen sich Merlin blendend verstand.
Gemeinsam mit seinen drei Artgenossen belagerte Merlin seinen nach wie vor treuen Freund Max, die Vögel kraulten einander und ich wunderte mich immer wieder aufs Neue darüber, wie sehr der Wellensittich in das Sozialgefüge der Katharinasittiche integriert wurde. Das Ganze geschah auf völlig freiwilliger Basis, denn jede der beiden Vogelarten war umgeben von mehreren Artgenossen. Vor allem Merlin, Bianca und Max schmusten sehr ausdauernd miteinander, weshalb ich die drei Vögel oft scherzhaft meine "Kuschelkommune" nannte.
In Heft 05/2006 des WP-Magazins habe ich einen Artikel veröffentlicht, der von den drei ungleichen Freunden erzählt ("Eine wunderbare Freundschaft: Drei schräge Vögel").
Leider starb Max im Herbst 2006 und ließ seinen traurigen Freund Merlin zurück. Glücklicherweise war er mit den anderen Katharinasittichen eng befreundet, wie es für diese Vogelart üblich ist.
Im Sommer 2007 erkrankte Merlin sehr schwer. Bereits im Vorfeld hatte sich abgezeichnet, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmte. Mein Tierarzt, der auf die Behandlung von Vögeln spezialisiert ist, stellte Merlin regelrecht auf den Kopf und tippte zunächst auf eine Aspergillose als Auslöser für die gelegentlichen Atemprobleme. Diese nahmen Mitte 2007 so extreme Ausmaße an, dass Merlin erneut untersucht wurde. Mykoplasmen wurden als Auslöser für seine Atemnot dingfest gemacht und wir starteten einige Therapieversuche. Leider scheiterten alle, weshalb ich Merlin am 18.08.2007
schweren Herzens gehen lassen musste, weil er kaum noch atmen konnte. Obwohl er mich nie wirklich gemocht hat, habe ich dieses kleine Energiebündel umso mehr geliebt für das, was er war: ein fröhlicher Katharinasittich, der ständig Schabernack im Sinn hatte. Danke für die schöne Zeit, lieber Merlin.
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