|
Chandra - der quirlige Welli mit den Spreizbeinchen
Anfang Dezember 2008 ging eine Geschichte durch die deutschen Medien, die nicht nur
Tierschützer schockiert hat: In Berlin hält ein Mann in seiner rund 60
Quadratmeter großen Wohnung circa 500 Wellensittiche, hieß es in
den ersten Berichten. Videos waren zu sehen, unter anderem bei RTL, die
das Chaos zeigten. Damals ahnte noch niemand, wie groß das Ausmaß der Sammelleidenschaft des Mannes tatsächlich war. Doch schon als ich diese ersten Berichte im Internet gelesen
und die dazugehörigen Videos betrachtet hatte, war mir klar, dass sich unter den Vögeln
gehandicapte Tiere befinden würden. Deshalb sagte ich dem
Verein der Wellensittich-Freunde Deutschlands (VWFD) , der sich bei den entsprechenden Stellen in der Hauptstadt gleich als Helfer bei der
Rettungs- und Vermittlungsaktion angeboten hatte, ich würde zwei Vögel mit
Behinderung aufnehmen.
Neben dem Berliner Veterinäramt waren somit bald auch Tierschützer unter anderem aus den Reihen des VWFD
involviert, um die Vögel aus der Wohnung zu holen. Die Tiere wurden einige Tage nach dem Bekanntwerden des Falls von dort abtransportiert. In unzähligen Käfigen kamen die geretteten Vögel zunächst zum überwiegenden Teil im Berliner Tierheim
unter. Bei der Fangaktion
stellte sich allerdings heraus, dass es sich keineswegs "nur" um 500 Tiere gehandelt hat. Der Mann
hatte mit etwas mehr als 1700 Wellensittichen und Nymphensittichen
zusammengelebt (siehe Video bei Spiegel.de ), wobei letztere nur in kleiner Zahl unter den Tieren waren.
Einige Wellensittiche waren schwer gehandicapt oder gar
verletzt. Deshalb gelangten sie in die Obhut einer freiwilligen Helferin,
die seit vielen Jahren Erfahrung in der Pflege heikler gefiederter
Patienten hat. Diese Pflegerin ist mir seit einiger Zeit durch meine Aktivitäten in der Wildvogelhilfe bekannt, die Welt der Vogelpäppler ist eben doch recht überschaubar. Über den VWFD erfuhr ich, dass sie die schlimmen Fälle
pflegte und ich nahm sofort Kontakt zu ihr auf, um mehr über "meine" Vögel herauszufinden. Sie erzählte mir von Chandra und dem Weibchen Aditi und ich fieberte mit, während sie
die Tiere gegen Trichomonaden behandelte und generell medizinisch
versorgte.
Am 6. Januar 2009 war es dann endlich so weit und meine Vögel wurden für die
Vermittlung freigegeben. Weil sich Aditi in der Zwischenzeit in einen gehandicapten Vogel verliebt hatte und ich das frisch gebackene Paar nicht trennen wollte, traten drei statt zwei Wellensittiche die Reise von Berlin zu mir nach Düsseldorf an. Sie wurden von einem Herrn mitgenommen, der per
Mitfahrzentrale gefunden worden war. Das letzte
Stück der Strecke absolvierten die Vögel im Auto des VWFD-Mitglieds Nicole.
Sie war es, die die gefiederte Fracht an jenem bitterkalten Dienstagabend
zu mir brachte, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei ihr
bedanken möchte.
Bis zu jenem Abend hatte ich von meinen drei Vögeln lediglich Ravi auf einem Foto gesehen. Von Chandra wusste ich nur, dass sie Spreizbeine hat und deshalb Schwierigkeiten beim Klettern und Laufen hat. Ich war ein wenig aufgeregt, als ich zusammen mit Nicole die dicke wärmende Decke
entfernte, die den Transportkäfig umgab. Da saßen sie also vor mir, zum Glück hatten sie
die Fahrt gut überstanden. In die junge Chandra mit ihren neugierigen Knopfaugen verliebte ich mich auf der Stelle - in die anderen beiden Vögel natürlich auch.
Weil sie bereits eine Quarantäne durchlaufen
hatten und von einer fachkundigen Vogel-Tierärztin behandelt worden waren,
durften sie gleich am nächsten Morgen zu meinen Vögeln ziehen.
Chandra war augenscheinlich am Tag ihrer Ankunft mitten in der Jugendmauser.
Folglich dürfte sie in etwa Anfang August 2008 aus ihrem Ei geschlüpft
sein. Mit Freuden stellte ich bei Chandras Einzug ins Vogelzimmer fest,
dass das tapfere Vögelchen nach seinen Rundflügen sehr gut landen
konnte, und das trotz der schweren Beinfehlstellung. Sie hat sich sehr
schnell eingelebt und ihre Interessen selbstbewusst durchgesetzt. So
könnte man es zumindest schmeichelhaft umschreiben. Weniger freundlich
formuliert heißt das: Chandra hat Haare auf den Zähnen und hat den
anderen Wellensittichen gezeigt, wer die Herrin im Haus ist. Ihr
schweres Handicap hindert sie nicht daran, sehr selbstbewusst zu sein.
Ihre Lebensfreude ist ansteckend und es bereitet mir Freude, sie munter
im Vogelzimmer herumtoben zu sehen.Unter den Wellensittichen war bis zu
ihrem Tod Aditi Chandras beste Freundin. Der Mann an ihrer Seite ist
Ravi, den sie schon aus ihrer Zeit
in der Berliner Messie-Wohnung kennt.
Doch die wohl größte Überraschung bescherte mir Chandra Anfang Oktober 2009: Das flugunfähige und schwer sehbehinderte Katharinasittich-Weibchen Kimmy zog ein und wurde gleich von Chandra "adoptiert". Von Anfang kümmert sie sich rührend um ihre Freundin, und dabei stört es sie ganz offensichtlich nicht, dass Kimmy einer anderen Vogelart angehört und selbst
etliche Artgenossen im Vogelzimmer um sich hat. Warum sie Kimmy
ins Herz geschlossen hat, ist mir ein Rätsel, denn für die anderen Katharinasittiche hat sie sich zuvor nie interessiert, was auch nach wie vor der Fall ist. Doch ich finde es rührend, wie zärtlich und sanft sie mit Kimmy umgeht.
Chandras Farbschlag nennt sich Blaues Gelbgesicht mit normaler Gefiederzeichnung.
Bedeutung des Namens
Schon seit vielen Jahren habe ich eine Vorliebe für Namen, die etwas mit Astronomie und Himmelskörpern zu tun haben - was daran liegt, dass ich Astrophysik studiert habe.
Weil ich die meisten gängigen Namen aus dem westlichen Kulturkreis bereits an meine Vögel vergeben habe, bin ich nun bei der Namenssuche in Indien gelandet. Im alten Sanskrit bedeutet Chandra Mond. Deshalb habe ich mich für diesen Namen entschieden, der wie ich finde obendrein sehr schön klingt.
|