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Wichtige Anmerkung vorweg
Mich erreichen zahllose E-Mails, in denen mich Vogelhalter fragen, ob ich weitere Tipps zum Zähmen geben könnte, weil ihnen das in diesem Kapitel Gesagte offenbar nicht genügt. Liebe angehende Fragesteller, schreiben Sie mir bitte nicht, denn ich habe leider wirklich keine weiteren Tipps für Sie! Alles, was ich zum Thema Zähmen zu sagen habe, habe ich der Einfachheit halber hier niedergeschrieben. Ich enthalte Ihnen keinerlei Informationen vor, allein schon deshalb nicht, weil mir die Zeit fehlt, jede Woche durchschnittlich 20 bis 30 E-Mails ausführlich zu beantworten, in denen es ums Zähmen von Wellensittichen geht. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Zahmer WellensittichEs existiert kein Patentrezept, mit dem man jeden Vogel garantiert und ohne Probleme nach einem festgelegten Schema innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zähmen kann. Wellensittiche haben genau wie Menschen individuelle Persönlichkeiten, die bei den Bemühungen, die Tiere zu zähmen, unbedingt berücksichtigt werden müssen. Ein scheuer Vogel sollte erheblich sanfter behandelt werden als ein neugieriges, unerschrockenes Tier. Außerdem darf man beim Zähmen die eigenen Erwartungen an den Vogel niemals zu hoch ansetzen. Es sind viel mehr die kleinen Ziele, die man ins Auge fassen sollte. Geduld ist bei der Zähmung eines Wellensittichs oder eines anderen Ziervogels das Zauberwort, und Respekt vor den individuellen Eigenheiten des Tieres hat ebenfalls noch nie geschadet.

1. Schritt: Das Vertrauen des Vogels gewinnen
Am leichtesten gelingt die Zähmung eines Wellensittichs, wenn der Vogel zunächst einmal Vertrauen zu seiner Bezugsperson fasst und seine Scheu vor Menschen ablegt. Ein neu entstehendes Vertrauensverhältnis zerbricht leicht, wenn dem Menschen der kleinste Fehler unterläuft. Dies kann eine hektische Handbewegung in der Nähe des Vogels sein oder aber ein unerlaubter Einbruch in seine Privatsphäre, wenn man ihn beispielsweise berührt, während er seine Ruhe haben möchte. Es ist deshalb wichtig, die Körpersprache der Wellensittiche zu kennen, so dass man die Stimmungen und Empfindungen der Vögel an ihrer Körperhaltung ablesen kann, wenn man sich intensiv mit ihnen beschäftigt, um sie zu zähmen.

Kraulmassage Der größte Fehler ist es, einen noch nicht gezähmten Wellensittich in die Hand zu nehmen oder mit der Hand seinen Körper zu berühren (streicheln). Wellensittiche sind keine Kuscheltiere, sie mögen es nicht, wenn sie in die Hand genommen werden, und auch Streicheleinheiten lassen nur sehr zutrauliche Vögel zu. Lieber mögen sie es übrigens, am Kopf gekrault zu werden. Die Vögel signalisieren selbst, wenn sie gekrault werden möchten. Sie drehen dann das aufgeplusterte Kopfgefieder in Richtung der Bezugsperson. Niemals sollte man einen Vogel zu einer Kraulmassage zwingen, das zerstört das Vertrauen.

Weshalb man Wellensittiche und andere Vögel nicht in die Hand nehmen sollte, wenn hierfür kein zwingender (medizinischer) Grund besteht, lässt sich leicht erklären. Wild lebende Vögel müssen in der Natur ständig auf der Hut vor Fressfeinden sein. Sie wissen instinktiv, dass sehr wahrscheinlich ihr letztes Stündlein geschlagen hat, wenn sie gegriffen werden. Zum Beispiel packen Greifvögel mit den Krallen zu und halten ihre Beute fest. Ein Wellensittich, der von einer Hand gejagt und dann umklammert wird, hat Todesangst, weil in solchen Gefahrensituationen auch in domestizierten Vögeln dieselben Instinkte wach werden wie in ihren wild lebenden Artgenossen. Grundloses Anfassen oder Greifen eines Wellensittichs sollte deshalb während der Zähmungsphase absolut tabu sein.

Ruhig mit dem Vogel sprechen Sinnvoll ist es bei der Bildung eines Vertrauensverhältnisses, einen Wellensittich zunächst an die Anwesenheit des Menschen zu gewöhnen, indem man sich vor den Käfig stellt und beruhigend mit dem Vogel spricht. Die Stimmlage sollte dabei normal sein und man sollte nicht zu laut sprechen. Regt sich der Vogel zu sehr auf, sollte man den Abstand zwischen sich und dem Tier erst einmal wieder vergrößern. Mit der Zeit kann man sich dem Vogel in kleinen Schritten wieder nähern, wobei er auf keinen Fall erneut nervös werden sollte. Achtung, man sollte sich dem Vogel immer auf Augenhöhe nähern. Überragt man ihn und blickt man auf ihn hinab, fürchtet er sich instinktiv!

2. Schritt: Langsamer Aufbau des direkten Blickkontaktes
Schauen Sie den Vogel niemals direkt an, wenn er noch nicht mit Ihnen vertraut ist, weil durch das ihn fixierende Augenpaar ein Instinkt in ihm geweckt wird, der ihm sagt, dass Gefahr in Verzug ist. Fressfeinde starren ihre Opfer ähnlich an, bevor sie angreifen. Erst dann, wenn der Vogel sich in Ihrer Gegenwart entspannt verhält, sollten Sie einen längeren direkten Blickkontakt mit ihm herstellen. Dabei sollten Sie unbedingt weiter beruhigend mit ihm sprechen, damit er sich sicherer fühlt. Bald wird es ihn dann nicht mehr ängstigen, von seiner Bezugsperson direkt angeblickt zu werden.

3. Schritt: Gewöhnung an die Hand
Hirse ist ein gutes Lockmittel Die nächste Lektion ist, den Vogel an die Hand zu gewöhnen. Wichtig ist es, vor dem Käfig niemals hektische Handbewegungen auszuführen oder die Arme nach oben zu reißen, damit der Vogel nicht erschrickt. Man kann sich die Tatsache zu Nutze machen, dass Wellensittiche sehr gern Kolbenhirse essen. Nimmt man einen Hirsekolben in die Hand und hält ihn in die Nähe des Vogels, wird er mit der Zeit sicher den ersten Schritt wagen und ein wenig Hirse knabbern, obwohl die "böse Hand", vor der sich die meisten Vögel anfangs instinktiv fürchten, in der Nähe ist. Nach einiger Zeit wird sich der Wellensittich merken, dass die Hand nicht böse ist, sondern schmackhaftes Futter reicht. Er akzeptiert sie dann in seiner Nähe.

Lotti frisst Hirse von der Hand In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass man bei der Gewöhnung an die Hand ebenfalls meist nur mit sehr viel Geduld an sein Ziel gelangt. Bitte ignorieren Sie unbedingt die sogenannten "guten Ratschläge" von Menschen, die empfehlen, den Tieren einige Zeit das Futter zu entziehen, damit sie hungrig sind und dadurch viel schneller ihre Angst vor der Hand ablegen. Es ist zwar richtig, dass ein ausgehungertes Tier viel eher dazu bereit ist, ein Risiko einzugehen und sich der Hand, die ihm Futter reicht, zu nähern. Aber einen Wellensittich hungern zu lassen, nur weil man zu ungeduldig für eine artgerechte Zähmung ist, ist Tierquälerei. Zudem ist ein solcher Nahrungsentzug eine gefährliche Angelegenheit, weil Vögel je nach individuellem Ernährungszustand binnen kürzester Zeit verhungern können. Durch den Nahrungsentzug bringt man den Vogel in eine lebensgefährliche Situation und zudem in eine Abhängigkeit, die man nicht für die Zähmung ausnutzen sollte. Zwang sollte niemals die Basis einer Freundschaft zu einem Tier sein!

4. Schritt: Die Hand oder den Finger als Sitzplatz akzeptieren
Den Finger als Sitzplatz anbieten Schwieriger ist es, den Vogel dazu zu bringen, auf den Finger oder die Hand zu klettern. Hat er sich einmal an die Hand gewöhnt, die ihm sein Futter reicht, kann man versuchen, die Kolbenhirse oder einen anderen Leckerbissen so festzuhalten, dass der Vogel ihn nur erreichen kann, indem er auf die Hand klettert.

Sinnvoll ist es, einem Wellensittich, der sich für das ihm angebotene Futter interessiert und der zudem die erste Scheu vor der Hand abgelegt hat, aufmunternd und behutsam gegen den Bauch zu klopfen. Es soll ein leichtes, nur gerade eben fühlbares Anstupsen sein, das ihm signalisiert: "Hier ist die Hand, Du kannst hinauf klettern." Dieses "Klopfsignal" sollte man grundsätzlich einführen, auch wenn man anstelle der Hand ein Stöckchen als Sitzunterlage anbietet. Es ist hilfreich für den Vogel, weil er durch dieses Signal weiß, was von ihm erwartet wird. Weil Wellensittiche sehr klug sind, brauchen zahme und vertrauensvolle Vögel später kein "Klopfsignal" mehr, um den ausgestreckten Finger oder das Stöckchen als Einladung zu empfinden.

Der richtige Zeitpunkt für die Zähmungslektionen
Zeus beim Nickerchen auf der Schulter Wichtig ist auch der richtige Zeitpunkt für die Zähmungsversuche. Passt man die Lektionen der Stimmung und dem natürlichen Lebensrhythmus eines Vogels an, lassen die Erfolge meist nicht lange auf sich warten. Tagsüber stecken Wellensittiche und andere Vögel voller Energie und reagieren oft entsprechend hektisch. In den Abendstunden ist ein Wellensittich hingegen erheblich ruhiger und zudem aufnahmefähiger für Neues. Wenn der Vogel mit dem Schnabel knirschend zufrieden auf einer Stange sitzt, sollte man sich ihm vorsichtig und ohne Hektik nähern. Geht man dabei behutsam vor, wird sich das Tier bald daran gewöhnen und keine Angst mehr haben.

Sobald der Vogel unruhig wird, hat es keinen Sinn, weitere Zähmungsversuche zu unternehmen, weil man damit nur das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich möchte: Dem Wellensittich wird die Nähe des Menschen immer unangenehmer. Lieber sollte man sich zurückziehen und es am nächsten Tag erneut versuchen. Schließlich hat auch ein Wellensittich ein Recht auf ein wenig Ruhe, wenn er nicht in Stimmung für Zähmungslektionen ist.

Werden wirklich nur Jungvögel zahm?
Zahmer Altvogel In Anzeigenmärkten liest man immer wieder: "Nestjunge Wellensittiche abzugeben." Junge Vögel sind beim Kunden beliebt, weshalb auch in Zoofachgeschäften meist Wellensittiche zum Verkauf stehen, die gerade erst das elterliche Nest verlassen haben. Der Grund für die große Popularität nestjunger Wellensittiche ist, dass sich Jungtiere angeblich leichter zähmen lassen als Altvögel. Schenkt man besonders pessimistischen Aussagen Glauben, sind diese gar nicht mehr zu zähmen.

Das ist aber nicht richtig. In Wahrheit hängt es ganz entscheidend von der Geduld des Tierhalters ab, ob seine Wellensittiche zutraulich werden oder nicht. Geht man falsch mit seinen Tieren um, werden auch nestjunge Wellensittiche nicht zutraulich. Ist man hingegen einfühlsam und geduldig, kann man sogar Vögel zähmen, die schon mehrere Jahre alt sind. Allerdings ist es tatsächlich richtig, dass Jungvögel, die noch nie etwas Schlechtes erlebt haben, dem Menschen gegenüber offener reagieren und somit leichter zugänglich sind.

Mehrere Vögel (gleichzeitig) zähmen
Häufig wird behauptet, mehrere Vögel, die in einer Gruppe gehalten werden, lassen sich nicht zähmen, weder gleichzeitig, noch nacheinander. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Auch im Schwarm gehaltene Wellensittiche werden zutraulich, wenn man nur genügend Geduld aufbringt. Zugegebenermaßen ist es allerdings ungleich schwerer, mehrere Vögel gleichzeitig zu zähmen, als wenn man sich nur um das Vertrauen eines einzigen Wellensittichs bemüht.

Es ist wichtig, immer am Ball zu bleiben und auch nach einigen Wochen ohne nennenswerte Fortschritte noch nicht aufzugeben. Manchmal dauert es Monate, bis Vögel im Schwarm zahm werden, aber sie werden es fast immer irgendwann. Hilfreich sind übrigens zutrauliche Vorbilder. Fliegt ein Wellensittich gern auf die Hand seiner Bezugsperson, schauen sich die scheueren Vögel dieses Verhalten oft ab.

Vögel, die sich nicht zähmen lassen
Leider meinen es nicht alle Menschen gut mit ihren Haustieren. Die Autorin hat in der Vergangenheit mehrfach schreckliche Beispiele für Tierquälerei erlebt und von den Vorbesitzern geschundene Vögel in ihre Obhut übernommen. Man mag es nicht für möglich halten, aber auch Wellensittiche können Opfer sinnloser menschlicher Gewalt werden. Hat ein Vogel eine traumatische, meist mit starken Schmerzen verbundene Erfahrung gemacht, wird er sich nicht mehr ohne weiteres zähmen lassen. Derart scheue und oft völlig verstörte Tiere sollte man in Ruhe lassen. Sie sollten ihr Leben vom Menschen weitestgehend unbehelligt in einem Vogelschwarm oder mit einem arteigenen Partner leben dürfen, damit die seelischen Wunden mit der Zeit heilen können.

Hat man großes Glück, geschieht ein kleines Wunder und ein gefiedertes Gewaltopfer fasst nach langer Zeit doch noch Vertrauen zum Menschen. Zwei bis drei Jahre sind hierbei allerdings für gewöhnlich mindestens nötig und die Vögel sollten in dieser Zeit niemals vom Menschen unter Druck gesetzt oder in Angst versetzt werden.

 
 
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