Fehlsichtigkeit

Text und Bilder von Birds-Online.de (Gaby Schulemann-Maier), Februar 2002

Die leicht schiefe Kopfhaltung dieses Wellensittichs ist darauf zurückzuführen, dass er auf dem rechten Auge fast nichts sehen konnte.
Die leicht schiefe Kopfhaltung dieses Wellensittichs ist darauf zurückzuführen, dass er auf dem rechten Auge fast nichts sehen konnte.

Nicht immer ist eine vollständige Blindheit die Ursache dafür, dass Vögel ihre Umgebung nicht im üblichen Maße visuell wahrnehmen können. Je älter die Tiere werden, desto mehr schwindet bei manchen Individuen die Sehkraft. Dies kann beispielsweise infolge einer Eintrübung der Linse geschehen – die Vögel erkranken am Grauen Star – oder es entstehen anderweitige degenerative Augenveränderungen, die zu einer starken Fehlsichtigkeit führen. In diesem Erfahrungsbericht gehe ich auf eine starke Fehlsichtigkeit ein, die mit einer Kurzsichtigkeit beim Menschen vergleichbar ist.

In meinem Vogelschwarm lebte lange Zeit ein Wellensittich namens Umbriel, der im Alter von etwa fünf Jahren auf einem Auge fast nichts mehr sehen konnte, obwohl seine Pupille nach wie vor normal auf Änderungen in der Umgebungshelligkeit reagiert hat. Auch eine Trübung der Linse lag nicht vor, das Auge sah vollkommen normal aus. Umbriel schien nur dann etwas bewusst mit seinem rechten, fehlsichtigen Auge wahrzunehmen, wenn er sich ganz dicht am entsprechenden Objekt befand.

Das rechte Auge dieses Wellensittichs sah normal aus, doch der Vogel konnte damit fast nichts sehen - es schien, als wäre er extrem kurzsichtig.
Das rechte Auge dieses Wellensittichs sah normal aus, doch der Vogel konnte damit fast nichts sehen – es schien, als wäre er extrem kurzsichtig.

Mithilfe seines Lieblingssnacks – das waren grüne Blattläuse – habe ich ihn einem Sehtest unterzogen. Auf meiner Fingerkuppe präsentierte ich Umbriel eine Blattlaus in der Weise, dass er sie nur mit dem rechten Auge erblicken konnte. Ich musste den Leckerbissen bis auf weniger als zwei Zentimeter an sein Auge heranbringen, bis er auf den kleinen Leckerbissen reagierte. Sein gesamtes Verhalten sowie das Ergebnis dieses „Sehtests“ legte die Schlussfolgerung nahe, dass Umbriels rechtes Auge von einer extremen Kurzsichtigkeit betroffen war. Hielt ich eine Blattlaus hingegen in Sichtweite seines gesunden Auges, reagierte er erheblich früher auf das ihm angebotene, begehrte Insekt und nahm es bereits aus einer Entfernung von mehreren Zentimetern wahr.

Damit der Vogel seine Umgebung stets möglichst gut im Blick hatte, hielt er seinen Kopf meist zur rechten Seite geneigt. Das linke, gesunde Auge zeigte so mitten in den Raum, und der Sittich behielt den Überblick über alles, was seine gefiederten Freunde im Vogelzimmer anstellten. Nachdem sich Umbriels Sehfehler entwickelt hatte, flog er deutlich langsamer und behielt sogar im Flug die schräge Kopfhaltung bei; nach einiger Zeit hörte er gänzlich auf zu fliegen. Trotzdem war er auch dann noch immer munter und nahm am Schwarmleben teil.

Mit dem linken, normalsichtigen Auge behielt Umbriel seine Umgebung immer im Blick.
Mit dem linken, normalsichtigen Auge behielt Umbriel seine Umgebung immer im Blick.

Als er sich noch fliegend fortbewegte und sein Sehfehler bereits vorhanden war, waren seine Landungen im Unterschied zu einst vergleichsweise plump geworden. Befand er sich in etwa dort, wohin er hatte fliegen wollen, ließ er sich einfach fallen. Glücklicherweise hat er sich aufgrund seiner wohl bewusst langsam gewählten Fluggeschwindigkeit trotz des Sehfehlers nie ernsthaft verletzt.

Im Umgang mit einseitig stark fehlsichtigen Vögeln oder auch mit Tieren, die gar auf beiden Augen kaum etwas sehen können, muss man einen entscheidenden Aspekt beachten: Die Vögel nehmen es nicht wahr, wenn man sich ihnen mit der Hand von der Seite her nähert, auf der sie nicht richtig sehen können. Nicht selten kommt es daher vor, dass ein ansonsten zahmer Vogel sich durch eine für ihn ohne Vorwarnung über ihn hereinbrechende Berührung bedroht fühlt und nach dem vermeintlichen Angreifer hackt. Umbriel hat mich früher oft gebissen, weil ich ihm von seiner fehlsichtigen Seite her für seinen Geschmack zu nahe gekommen bin, wenn ich beispielsweise gerade frisches Futter serviert habe und er in der Nähe saß.

Trotz seiner einseitigen Fehlsichtigkeit führte Umbriel (rechts) ein normales Leben im Vogelschwarm inklusive sozialer Kontakte zu Artgenossen.
Trotz seiner einseitigen Fehlsichtigkeit führte Umbriel (rechts) ein normales Leben im Vogelschwarm inklusive sozialer Kontakte zu Artgenossen.

Böse Absicht oder gar hinterlistiges Verhalten steckt hinter derlei Bissen gegenüber Menschen und Artgenossen garantiert nicht. Die Vögel verteidigen sich lediglich gegen eine für sie plötzlich auftauchende, nahezu unsichtbare Gefahr. Man darf daher nicht heftig auf solche Bisse reagieren, vor allem dann nicht, wenn der Vogel ansonsten zahm und anhänglich ist. Falls es immer wieder zu solchen Missverständnissen innerhalb eines Schwarms oder gegenüber des gefiederten Partners kommt, muss nach einer Lösung gesucht werden. Ein wenig Nachsicht und ein behutsamer Umgang mit den Tieren sind grundsätzlich angebracht und es bringt nichts, mit den Vögeln zu schimpfen. Am besten nähert man sich einem fehlsichtigen Vogel immer nur auf seiner „gesunden“ Seite und spricht ihn – zum Beispiel mit seinem Namen – an, damit er nicht erschrickt, wenn unvermittelt eine Hand in seinem Gesichtsfeld erscheint. Anderen Vögeln kann man dies nur schwer beibringen, insofern muss die Situation immer gut überwacht werden. Gegebenenfalls ist ein gemeinsamer Freiflug eines ein- oder beidseitig fehlsichtigen Vogels mit seinen Artgenossen nur unter strenger Aufsicht möglich.

Einseitig fehlsichtige Vögel wie Umbriel können meiner Erfahrung zufolge trotzdem nach einer recht kurzen Gewöhnungszeit ein selbstbestimmtes Leben mit intakten, arttypischen Sozialkontakten führen. Sie passen ihr Flugverhalten ihrer eingeschränkten Sehkraft an und verhalten sich entsprechend vorsichtig. Nur wenn sich ein fehlsichtiger Vogel häufig verletzt, sollte man mit einem erfahrenen Vogel-Tierarzt die Optionen abwägen und gegebenenfalls die Haltungsbedingungen ändern oder sich gar für das Einschläfern entscheiden, sofern sich das Tier wiederholt schwer verletzt. Eine Heilung starker Fehlsichtigkeit ist bei Vögeln meines Wissens bisher nicht möglich.