Erfahrungsbericht über Wellensittich Fly

Text und Bilder von Stefanie Kranjc, März 2002

Wellensittichweibchen Fly hatte nur noch ein Bein.
Wellensittichweibchen Fly hatte nur noch ein Bein.

Neben Unfällen gibt es noch andere Gründe, die die Amputation von Gliedmaßen unumgänglich machen. Beispielhaft ist der Fall meines Vogelmädchens Fly. Sie wurde im Mai 2001 zusammen mit ihrem Partnervogel Jerry in erbärmlichem Zustand im Essener Tierheim abgegeben. Beide Vögel litten unter extrem starkem Grabmilbenbefall, der sich von den Augen über den Schnabel bis hin zu den Beinen und der Kloake zog. Fly, die Wellensittichhenne, hatte zudem ein Loch im rechten Bein und eine verwachsene Nasenhaut. Alle genannten Anzeichen wiesen eindeutig auf einen Befall mit Milben hin, der über längere Zeit unbehandelt geblieben war.

Die beiden Vögel wurden zuerst mit Paraffin DAB gegen die Grabmilben behandelt. Ein Tierarzt untersuchte Flys Bein gründlich. Leider blieb als einzige Möglichkeit die Amputation, da das Loch zu tief für eine herkömmliche Abheilung war. Fly war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate alt. Daher war die Operation vom tiermedizinischen und tierschutzrechtlichen Standpunkt aus zu vertreten, denn ihre Aussicht auf Erfolg war gut und die Chance, dass Fly lernen würde, mit ihrem Handicap zu leben und klarzukommen, fiel entsprechend hoch aus.

Zum Schlafen legte sich Fly gern bäuchlings auf einen Käfig.
Zum Schlafen legte sich Fly gern bäuchlings auf einen Käfig.

Nach der Operation holte ich Fly aus der Klinik ab und nahm sie gleich mit nach Hause. Ihr Gefieder war im Bauchbereich noch ein wenig blutig und sie selbst etwas unbeholfen, da es für sie ungewohnt war, sich auf einem Bein zu halten. Nachdem sie die ersten zwei Tage isoliert in einem Krankenkäfig gesessen hatte, dessen Boden weich gepolstert war, konnte sie als nächstes in den Behindertenkäfig zu Flöhchen und Fröschlein ziehen.

Fly wurde immer geschickter darin, sich auf den Sitzästen im Käfig zu halten. Da sie flugfähig ist, kann ich sie dabei beobachten, dass sie sich mit ausgebreiteten Flügeln, flatternd auf den Ästen im Käfig ausbalanciert, was sie unmittelbar nach der Operation bereits getan hat. Der nächste Schritt nach dem Einzug in den Behindertenkäfig war, ihr Freiflug zu ermöglichen. Schnell gewöhnte sie sich an die Ausmaße des Vogelzimmers und wurde bald zur gewandten Fliegerin. Zu diesem Zeitpunkt durfte sie dann in die Voliere meiner übrigen Vögel umziehen. Sie schafft es mit äußerstem Geschick, sich darin zurechtzufinden und zeigt häufig wendige Flugmanöver. In der Voliere ist ebenfalls eine Liegeplattform angebracht, die Fly jedoch seit einiger Zeit immer seltener aufsucht. Auf dem Dach eines kleinen Käfigs liegt sie gelegentlich gern, um ein Nickerchen zu halten.

Wellensittichdame Fly bei der Gefiederpflege.
Wellensittichdame Fly bei der Gefiederpflege.

Vögel mit amputierten Gliedmaßen haben durchaus Lebensqualität und schaffen es nach kurzer Gewöhnung, sich trotz der Behinderung in ihrem Lebensraum zurechtzufinden. Wichtig ist nur, die verbliebenen Gliedmaßen, die nach einer Amputation mehr als von der Natur vorgesehen beansprucht werden, zu pflegen. Um Fly beispielsweise vor Sohlengeschwüren zu schützen, creme ich ihren Fuß und den Ständer regelmäßig mit einer speziellen Salbe ein. Abschließend bleibt nur zu sagen, dass Fly es gelernt hat, mit ihrer Behinderung zu leben und sich augenscheinlich trotz dieses Handicaps wohlfühlt.

 

 

 

Buchtipp
Cover des Buches 'Vogelhaltung mit Handicap'Weil mir, der Betreiberin von Birds-online.de, gehandicapte Vögel so sehr am Herzen liegen, habe ich gemeinsam mit der erfahrenen Vogelhalterin Sigrid März ein Buch geschrieben. Darin werden die häufigsten Handicaps vorgestellt, Herausforderungen im Alltag beschrieben und natürlich Lösungen aufgezeigt. Von Amputationen über Blindheit bis hin zu altersbedingten Einschränkungen wie Arthrose reicht die Themenpalette. Ergänzend gibt es ein paar Einrichtungstipps, um gehandicapten Vögeln ein angenehmes und sicheres Umfeld bieten zu können. Wir haben den Inhalt bewusst so gestaltet, dass er sich nicht nur um kleine Sittiche dreht. Kanarienvögel, Täubchen und größere Vogelarten wie Graupapageien und Co. wurden von uns gleichermaßen mit einbezogen.

Das Buch kann für 29,90 € direkt beim Verlag bestellt werden, bis zum 30.01.2022 kostet es sogar nur 28,70 €: Web-Shop des Arndt-Verlags