Erfahrungsbericht ausgekugelte Schulter

Text und Bilder von Isolde Aufschläger, 2. Mai 2006

Jogo in der Voliere.
Jogo in der Voliere.

Am 8. Januar 2005 stand ich in München-Trudering vor einem Vogelkäfig. Genauer gesagt stand ich im Tierheim Riemer Straße – auf der Suche nach einem älteren Herrn für unseren verwitweten Sigi. Und da saß er, dieser quatschende, herumhüpfende und mehr als aufgedrehte Vogel, der kurz vor den Weihnachtsferien abgegeben worden war. Angeblich war er zu laut. Es muss wohl an Weihnachten liegen, dass da sechs Wellensittiche von unterschiedlichen Personen zu laut waren! Vielleicht liegt es ja auch an Weihnachten, dass sich gerade kurz vor den Feiertagen die Nachbarn beschweren? Wie dem auch sei – niemand wollte Jogo, und niemand wollte die dicke Mommy, die mit ihm zusammen abgegeben worden war. Denn beide haben ein Handikap: Mommy (7) hat ein großes Lipom, und Jogo (heute 3,5) kann nicht fliegen. Er kann nicht einmal ein bisschen abheben. Er flattert zwar wie wild, aber fliegen kann er nicht.

Da waren wir nun. Und das gemeinsame Leben mit einem vollends und einem halb behinderten Vogel begann. Zuerst einmal musst die Voliere weg – was, wenn Jogo nachts 1,60 Meter tief fiel? Nicht auszudenken! Also musste ein neuer Käfig her, etwas breiter als die Voliere, aber nur 68 Zentimeter hoch.

Jogo (links) mit einem seiner Gefährten.
Jogo (links) mit einem seiner Gefährten.

Es stellte sich heraus, dass Jogo, nachdem er ein bisschen zugelegt hatte und sich zu einem stattlichen Sittich entwickelte, ein begnadeter Kletterer war. Also haben wir Seile gespannt usw. Gleichzeitig stellten wir den Käfig tiefer – nicht mehr auf Augenhöhe. Er steht auf einem ca. 45 Zentimeter hohen Rollregal. Über die mangelnde Höhe hat sich noch keiner der vier Flugsaurier beschwert. Außerdem polsterten wird den Boden. Zwar kann Jogo nicht abheben, er fällt aber nicht vollends ungebremst. Aber fast. Also kauften wir Schaumstoff-Auslegeware fürs Badezimmer sowie einen Teppich für oben drauf. IKEA-Badteppiche für fünf Euro* sind schön weich – und obendrein waschbar! Diese Teppiche befinden sich unter allem, was Jogo kletternd erreichen kann – dem Vogelbaum, vor dem Wellipool, rund um den Käfig.

Zwischenzeitlich zeigte uns ein Röntgenbild der Vogelklinik die Ursache für Jogos Flugunfähigkeit. Die Schulter war ausgekugelt (worden?) und alle Bänder waren gerissen. Die Tierärzte sagten mir, eine sofortige Behandlung hätte den Flügel retten können. Da diese unterblieben war, wird Jogo zeitlebens auf seine flinken Beinchen angewiesen sein.

Fertige Voliere mit der für Jogo nicht überwindbaren, 6 cm hohen Kante.
Fertige Voliere mit der für Jogo nicht überwindbaren, 6 cm hohen Kante.

Der Käfig, in dem Jogo, Mommy, Jill und Flo lebten, hatte nun ausgedient – eine Voliere sollte her. Nach meinen Maßen, meinen Vorgaben. Eine dieser Vorgaben war die komplette Zerlegbarkeit. Und gleichzeitig sollte der Deckel zum Öffnen sein. Das Problem dabei: Das ergab einen sechs Zentimeter hohen Rand. Wie sollte Jogo sich darüber nur aufs Käfigdach schwingen, wo seine Spielsachen standen? Wie sollte er dorthin kommen, von wo aus der Vogelbaum zu erreichen war? Über das Forum des VWFD bekam ich viele Tipps – doch Jogo nahm keines der Hilfsmittel an. Denn alle Befestigungen, Seile, Hölzchen endeten doch genau an jenem Holzrand – für Jogo ein unüberwindliches Hindernis.

Erst brachte ich eine Leiter an. Auf den Käfig hinauf war das gut – aber herunter? Allein bei der Vorstellung eines kopfüber abstürzenden Jogos wurde mir ganz anders … Eine Leiter, doch keine Leiter, ein Seil, nein, auch nicht …

Voliere mit Leiterkonstruktion.
Voliere mit Leiterkonstruktion.

Ein Fahrstuhl wäre optimal gewesen, und mein Freund witzelte noch: „Lifta – der Treppenlift für Wellensittiche …“ Und da war es, das Wort: Treppe! Natürlich! Eine Treppe!

Es musste schnell gehen. Es war Sonntag, kein Baumarkt hatte geöffnet. Wenn ich eine Idee habe und nicht sofort ans Werk gehen kann, werde ich ziemlich unausstehlich. Aber gut improvisiert ist halb gewonnen. 🙂

Nachdem ich aus statischen Gründen echte kleine Treppenstufen aus Vierkantholz verworfen hatte, maß ich kurz die Abstände und schnappte mir die ungebrauchten Leitern, die en masse in einer Kiste lagen – Überbleibsel von längst zernagten Spielplätzen. Noch einmal Maß genommen und die Bosch angesetzt. 3er Bohrer, einmal kurz abgedrückt, Schrauben versenkt, Rand noch einmal abgemessen und ich muss sagen: Herr Pythagoras wäre stolz gewesen. Und so sieht sie aus, Jogos Treppenleiter oder Leitertreppe.

An der Voliere befanden sich mehrere Leitern, damit Jogo das Dach kletternd erreichen konnte.
An der Voliere befanden sich mehrere Leitern, damit Jogo das Dach kletternd erreichen konnte.
So sahen die montierten Leiterkonstruktionen aus.
So sahen die montierten Leiterkonstruktionen aus.
Die Leiterkonstruktionen von oben betrachtet.
Die Leiterkonstruktionen von oben betrachtet.

Im Prinzip habe ich nur zwei Leitern, die mir gerade entgegen fielen, zu einer Länge zusammengeschraubt, mit der ich über eine Zwei-Punkt-Fixierung stabil ein treppenartiges Gebilde aufhängen konnte. Die ursprüngliche, senkrecht angebrachte Leiter verschraubte ich dann im entsprechenden Winkel mit der anderen. So sparte ich mir den Bau einer weiteren Aufhängung. Am oberen Ende wurde das Gebilde dann noch über eine angepasste Aufhängung angebracht.

Tja. Was soll ich sagen. Es hat geklappt. Freiheit für Jogo, der gerade sein mauserndes Köpfchen am Vogelbaum reibt, in die Vogelmiere beißt und seinen Kumpel Flo ärgert. Jogo ist also frei, und wir fordern „barrierefreies Wohnen für alle Wellis!“