Oberschenkelbruch

Ein Oberschenkelbruch hat bei diesem Wellensittichweibchen zu einer Beinfehlstellung und einem Hüftschaden geführt.
Ein Oberschenkelbruch hat bei diesem Wellensittichweibchen zu einer Beinfehlstellung und einem Hüftschaden geführt.

Gesunde, flugfähige Vögel stürzen nur selten, weshalb die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich den Oberschenkelknochen brechen, relativ gering ist. Dennoch kann dies in ungünstigen Fällen geschehen, zum Beispiel wenn sie im Flug mit einem harten Gegenstand zusammenstoßen und anschließend aus großer Höhe benommen zu Boden fallen.

Ein noch größeres Risiko für einen Oberschenkelbruch oder Frakturen anderer Knochen haben flugunfähige Vögel, die von hoch gelegenen Sitzpositionen abstürzen oder trotz ihrer körperlichen Behinderung versuchen zu fliegen. Denn wenn sie ihre Flügel einsetzen, geraten sie oft ins Trudeln und verleihen sich selbst einen zusätzlichen Schub in eine Richtung, was dann zu schweren Kollisionen oder harten Aufschlägen auf dem Boden führen kann. Ebenso gefährdet sind Vögel, denen mehrere Krallen fehlen. Sie können sich beim Klettern nicht so gut festhalten wie Vögel, deren Krallen vollzählig sind. Durch das damit verbundene Abrutschen an Sitzstangen oder Käfig- beziehungsweise Volierengittern sind sie potenziell sturzgefährdet.

Weil seine Mutter im Nest ungünstig auf ihm gelegen hat, hat sich dieser Wellensittich im Alter von wenigen Tagen einen Knochenbruch zugezogen, der schief verheilt ist und sein Bein zeitlebens seitlich abstehen ließ.
Weil seine Mutter im Nest ungünstig auf ihm gelegen hat, hat sich dieser Wellensittich im Alter von wenigen Tagen einen Knochenbruch zugezogen, der schief verheilt ist und sein Bein zeitlebens seitlich abstehen ließ.

Mitunter brechen sich Vögel schon wenige Tage nach dem Schlüpfen ihre Knochen. Liegen viele Küken im Nest oder weist der Nistkasten keine Mulde auf, kann es geschehen, dass die Mutter, die ihre Küken wärmt, diese mit ihrem Gewicht auf den Untergrund drückt. Oder aber aber ein viel älteres Geschwister drückt ein frisch geschlüpftes Küken auf den Boden. Zwar haben Jungvögel in der Wachstumsphase noch vergleichsweise weiche und biegsame Knochen, doch es kann trotzdem zu Knochenbrüchen kommen. Vergleichsweise häufig ist hiervon der Oberschenkelknochen betroffen, weil die Jungtiere bereits auf ihren Beinen stehen und der durch die schwere Mutter oder ein älteres Geschwister von oben auf ihren Körper ausgeübte Druck zu viel für die Knochen sein kann. Wird ein solcher Bruch bei einem Jungtier nicht sofort erkannt und behandelt, wächst er innerhalb kürzester Zeit (ein bis zwei Tage) schief zusammen. Je nachdem, wie schwer die Fehlstellung ist, hat ein hiervon betroffener Vogel später ein leicht krummes Bein oder es zeigt gar gänzlich zur Seite und kann zum Stehen nicht benutzt werden.

Spezialfall flugunfähige Vögel

Weil insbesondere flugunfähige Vögel meist mit dem Bauch voran fallen und sich in der Luft zur einen oder anderen Seite drehen, während sie versuchen, mit ihren nicht voll funktionstüchtigen Flügeln den Sturz abzufangen, prallen sie häufig mit einem Bein zuerst auf. Dieses Bein fängt beim Aufprall den Großteil der Energie des Sturzes ab, sodass es leicht zu einem Knochenbruch kommen kann. Sehr häufig ist dann der Oberschenkel betroffen – insbesondere bei alten Vögeln oder bei Individuen, bei denen die Knochen infolge einer Nährstoffunterversorgung keine optimale Stabilität aufweisen. Einen solchen Sturzunfall erlitt auch einer meiner Wellensittiche, dessen Krankengeschichte verdeutlichen soll, welche Probleme sich aus Oberschenkelbrüchen bei Vögeln ergeben können.

Fallbeispiel Wellensittich Umbriel

Erfahrungsbericht von Gaby Schulemann-Maier (Birds-Online.de), März 2005

Sturz mit gravierenden Folgen

Umbriel hat sein Leben im bildlichen Sinne immer auf der Überholspur gelebt. Ständig war er aufgedreht und voller Energie, was ihn ab einem gewissen Punkt plötzlich sehr rasch altern ließ. Er büßte aufgrund dieser relativ plötzlich einsetzenden Altersschwäche seine Flugfähigkeit ein, als er etwa neun Jahre alt war. Weil er auf einem Auge stark fehlsichtig war, konnte er überdies seit seinem fünften Lebensjahr schlecht sehen.

Weil sein Oberschenkel gebrochen war, war auch die linke Hüfte dieses Vogels ein wenig schief.
Weil sein Oberschenkel gebrochen war, war auch die linke Hüfte dieses Vogels ein wenig schief.

Ob eine Unachtsamkeit aufgrund seiner Fehlsichtigkeit oder eine Bruchlandung nach einem missglückten Flugversuch zu dem harten Aufprall geführt hatte, der Umbriels Leben verändern sollte, ließ sich im Nachhinein nicht mehr herausfinden. Ende 2004 fand ich den Vogel eines Abends im Vogelzimmer auf dem Boden liegend vor. Er konnte sich kaum noch bewegen und litt unter Schmerzen. Als ich ihn abtastete, bemerkte ich einen Bruch seines linken Oberschenkels. Ein Tierarzt richtete den Bruch und versorgte ihn, danach hieß es Abwarten, ob Umbriel nach der Abheilung ohne Einschränkungen laufen und klettern können würde. Heute weiß ich, dass unter bestimmten Umständen eine Operation möglich gewesen wäre, allerdings kannte ich damals meinen heutigen Vogel-Tierarzt noch nicht, der eventuell hätte helfen können.

Nach etwa einer Woche, die Umbriel fast ausschließlich auf dem Bauch liegend verbracht hatte, begann er damit, stark hinkend zu gehen. Er trainierte sein langsam heilendes Bein und konnte sich nach weiteren drei Wochen wieder einigermaßen flott durch das Vogelzimmer bewegen, wenn auch nach wie vor hinkend. An seiner linken Flanke stand der leider trotz aller Bemühungen schief verheilte Knochen ein wenig heraus. Wäre der Bruch durch einen Facharzt versorgt worden, wäre es gegebenenfalls möglich gewesen, die Knochenenden mit feinen Metall-Pins zu verbinden, sodass sie nicht schief miteinander verwachsen. Ich bedauere es zutiefst, dass ich damals von dieser Möglichkeit nichts wusste und durch den behandelnden Tierarzt darüber auch nichts erfahren habe.

Fortbewegung gehbehinderter Vögel nach einem Oberschenkelbruch

Seit er sich den Oberschenkelbruch zugezogen hatte, lief Umbriel nicht mehr im eigentlichen Sinne, er hüpfte stattdessen seitlich. Dieses Hüpfen war das einzige, was er mit seinem schiefen Bein in Sachen „Gehbewegungen“ ausführen konnte. Es sah mühsam aus, aber er konnte trotz allem erstaunlich gut klettern, sodass ihn die Schiefstellung im Bein zumindest dabei nicht allzu sehr zu behindern schien. Außerdem war er bald wieder so fröhlich wie zuvor geworden, nachdem die Schmerzen erst einmal nachgelassen hatten, die ihn aufgrund der Knochenverletzung einige Tage gepeinigt haben.

Entspanntes Sitzen

Nach dem Oberschenkelbruch war das linke Bein dieses Wellensittichs schief und verkürzt, weshalb er sich gern damit an einem schräg stehenden Ast festhielt.
Nach dem Oberschenkelbruch war das linke Bein dieses Wellensittichs schief und verkürzt, weshalb er sich gern damit an einem schräg stehenden Ast festhielt.

Da seine Beine seit dem Knochenbruch nicht mehr gleich lang waren, saß Umbriel am liebsten auf einem schrägen Untergrund. Sein Lieblingsplatz war ein steil emporragender Ast, auf den er sich regelrecht legte. Auf diesem Ast befand sich das schräg stehende linke Bein in einer höheren Position als das gesunde rechte. An diesem Ast konnte sich der Vogel so gut festhalten, dass er sein Gefieder putzen konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, wie es auf einem ebenen Untergrund leicht geschah. Rund um den Ast habe ich Korkplatten ausgelegt, damit Umbriel nicht hart aufschlugt, falls er doch einmal stürzte, denn gelegentlich kletterte er recht weit am Ast empor.

Zum Schlafen erhielt er ein schräges Korkbrettchen, an das er sich mit der Körperseite lehnte, die das verkürzte, schiefe Bein aufwies. Dabei achtete ich darauf, dass sich am Bauch keine Druckstellen oder gar Liegegeschwüre bildeten. Auch die Haut an beiden Füßen kontrollierte ich regelmäßig, weil durch die Fehlstellung des linken Beins der Druck auf die Haut an bestimmten Stellen sehr groß war. Glücklicherweise entwickelten sich keine Sohlengeschwüre.

Im Juni 2005 musste Umbriel wegen eines Hodentumors eingeschläfert werden.