Bei vielen Vogelzüchtern hat sich bereits die Situation ergeben, dass sich ein voll
entwickeltes Küken nicht aus eigener Kraft aus seinem Ei befreien kann. Mehrere
Ursachen können hierfür verantwortlich sein. Häufig sind diese Jungtiere
aufgrund einer angeborenen Krankheit oder wegen eines
genetischen Defekts zu schwach. Manche verfügen ganz einfach
über zu wenig Kraft. Viele Züchter sind der Ansicht, es bestehe
kein Handlungsbedarf, weil diese Vögel nicht einfach nur zu schwach zum Schlüpfen sind,
sondern auch zu schwach, um überlebensfähig zu sein. Deshalb ist es eine
gängige Praxis, ein solches Küken im Ei sterben zu lassen.
Wenn man bedenkt, dass es jedoch unter Umständen ein unglücklicher Zufall ist, dass
ein Küken in seinem Ei feststeckt, weil dieses beispielsweise von der Henne als letztes
gelegt und mit weniger Nährstoffen als ein Durchschnittsei ausgestattet wurde, so hat
das Küken in der Tat einen Entwicklungsrückstand. Allerdings ist es durchaus denkbar,
dass es diesen aufholt, sobald es erst einmal aus dem Ei heraus ist.
In diesem Kapitel finden Sie Hinweise auf mögliche Ursachen für Probleme beim
Schlupf. Diese sind recht unterschiedlich und zeigen, dass das betroffene Jungtier nicht
zwangsläufig krank oder nicht überlebensfähig sein muss. Manchmal führt
eine Verkettung negativer Umstände dazu, dass sich ein Küken nicht aus eigener
Kraft aus seinem Ei befreien kann.
Zu kleine Eier
Mitunter legen Hennen so viele Eier, dass die zuletzt gelegten deutlich kleiner
sind als die ersten. Entwickelt
sich in einem zu kleinen Ei ein Küken, wird es im Innern schneller eng als in einem normalen
Ei. Das heißt, das Küken muss - sofern es groß gewachsen ist - vor dem
normalerweise üblichen Schlupftermin aus dem Ei heraus. Meist gelingt es den Küken,
die Eischale von innen anzuritzen. Weil sie aber noch nicht schlupfreif sind, fehlt ihnen danach
oft die Kraft, sich ganz aus dem Ei zu befreien. Solche Küken sind zum Tode verurteilt,
wenn die Henne keine Schlupfhilfe leistet oder der Mensch nicht eingreift.
Unzuverlässige Wärmezufuhr
Eine weitere mögliche Ursache für Schlupfschwierigkeiten ist, dass die Henne ihr
Gelege nicht ausreichend zuverlässig gewärmt haben könnte.
Die sich entwickelnden Küken hätten dann
zwar genügend Wärme erhalten, um heranzuwachsen. Aber weil sie zwischendurch
wiederholt ausgekühlt wären, wäre ihre Konstitution nicht optimal, so dass
sie beim Schlupf rasch schwach würden.
Zu geringe Luftfeuchtigkeit
Ist die Luft im Nistkasten beziehungsweise im Zuchtraum während
der Brutphase zu trocken, verdunstet mitunter zu viel Feuchtigkeit aus den Eiern. Die
Küken entwickeln sich trotzdem weitestgehend normal. Allerdings sind die Eier während
des Schlupfes zu trocken, so dass die Eihaut am Körper der Jungvögel kleben bleibt.
Diese klebende, sehr reißfeste Membran verursacht so viel Widerstand, dass die Küken
schnell ermüden und sich oft nicht vollständig selbst aus dem Ei befreien können.
Die genannten Faktoren können dazu führen, dass sich ein Küken nicht selbst
aus dem Ei befreien kann, obwohl es an sich gesund ist und überlebensfähig wäre.
Um einem solchen Jungtier eine Überlebenschance zu geben, muss ihm geholfen werden - sei
es durch die eigene Mutter oder durch den Menschen.
Schlupfhilfe durch die Henne
Stellt man fest, dass ein Küken - aus welchem Grund auch immer - im Schlupfvorgang steckt
und sich aus eigener Kraft nicht aus dem Ei befreien kann,
so kann man erst einmal darauf hoffen, dass die Henne Schlupfhilfe leistet.
Oft ist dies (auch in der Natur) zu beobachten. Mit ihrem Schnabel, der ein echtes
Präzisionswerkzeug ist, kann sie die Eischale aufbrechen und vom Küken
lösen, ohne das Jungtier zu verletzen. Die beste und für das Küken sicherste
Schlupfhilfe leistet also normalerweise die Henne. Sie spürt, wann ihr Küken
schlüpfen will, weil dieses kurz vor dem Schlupfbeginn zarte Stimmfühlungslaute
ausstößt, die die Henne hört und leise zirpend beantwortet.
Schlupfhilfe durch den Menschen
Greift die Henne nicht ein, wenn eines ihrer Küken im Ei in Not geraten ist, so kann
man selbst versuchen, dem jungen Vogel zu helfen. Hierbei ist allergrößte Vorsicht
gefordert, denn die Haut der Jungtiere ist extrem empfindlich. Um das Ei zu öffnen, sollte
man auf gar keinen Fall spitze Gegenstände verwenden! Hiermit könnte man dem
Küken lebensbedrohliche oder gar tödliche Stichverletzungen zufügen.
Besser ist es, mit einem stumpfen Gegenstand, zum Beispiel mit dem wattierten Ende eines
Wattestäbchens, an der stumpfen Seite des Eis sehr vorsichtig Druck auszuüben, bis
die Schale reißt. Mit den Fingernägeln kann man dann behutsam Stück für
Stück der Schale entfernen.
Es ist ratsam, ein Wattestäbchen und ein wenig handwarmes
Wasser griffbereit zu haben, denn mitunter klebt die Eihaut am Körper des Kükens fest.
Diese kann man mit dem Wasser lösen. Auf keinen Fall sollte man sie ohne vorheriges
Anfeuchten entfernen, denn sie klebt mitunter so fest an der Haut des Jungvogels, dass diese
beim Entfernen der Eihaut mit abreißt!
Weil Eier klein und durchaus ein wenig unhandlich sind, rutschen sie leicht aus der Hand.
Damit das Küken während der Schlupfhilfe nicht durch einen harten Aufprall nach
einem Fall aus großer Höhe zu Schaden oder gar ums Leben kommt, sollte man
sich beispielsweise auf ein breites Sofa setzen und ein großes Kissen über dem
Schoß ausbreiten, über dem man das Ei öffnet. Fällt es dann aus
der Hand, landet es weich und der Sturz ist nur wenige Zentimeter tief. Dem Küken
kann dabei praktisch nichts zustoßen.
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Ganz wichtig: Man sollte nur dann Schlupfhilfe leisten, wenn man
absolute Ruhe und keinen Zeitdruck hat. Es kann in komplizierten Fällen bis zu einer Stunde
dauern, bis man ein mehr oder minder geschwächtes Küken sicher aus einem Ei befreit hat.
Hektik oder Zeitdruck können zu fatalen Fehlern führen, indem man beispielsweise
zu fest zupackt und dem Küken Quetschungen zufügt. Zwischendurch sollte man übrigens
alle paar Minuten das Küken anhauchen und in den Händen wärmen, damit es bei
der Schlupfhilfe nicht auskühlt.
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Das Küken ist befreit - und jetzt?
Sobald man das Küken aus dem Ei befreit hat, sollte man es so schnell wie möglich
in die Obhut seiner Mutter geben. Keine Sorge, Wellensittiche nehmen ihre Jungtiere auch dann
an, wenn der Mensch sie berührt hat. Es ist ein populärer Irrtum, dass Vögel
ihren Nachwuchs verstoßen, wenn dieser nach "Mensch" riecht. Dieses Verhalten legen
nur wilde Säugetiere an den Tag. Sämtliche Vögel, also nicht nur Zier-, sondern
auch Wildvögel, stören sich nicht an Fremdgerüchen, die an ihren Küken
haften. Genau genommen
verfügen die meisten Vogelarten über einen so schlecht entwickelten Geruchssinn,
dass sie den Menschengeruch an ihren Küken ohnehin nicht wahrnehmen könnten.
Überleben alle Küken, bei denen Schlupfhilfe geleistet wurde?
Leider überleben nicht alle Küken, bei denen der Mensch, die Henne oder beide gemeinsam
Schlupfhilfe geleistet haben. War beispielsweise tatsächlich
eine angeborene Erkrankung der Grund für
die Schwäche des Kükens, so wird es sehr wahrscheinlich die ersten Tage nach dem
Schlupf nicht überleben. Auch Küken, die von ihrer Mutter während der Brut nicht
zuverlässig gewärmt wurden, haben meist ein geschwächtes Immunsystem und sind
sehr anfällig für Krankheiten, wodurch ihre Überlebenschancen leider reduziert
sind.
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