Bei den Wellensittichen ist die Rollenverteilung beim Brüten klar
geregelt: Das Weibchen wärmt das Gelege beziehungsweise später
die Nestlinge, das Männchen versorgt seine Frau und die Nachkommen
mit Nahrung.
Die meisten Wellensittichweibchen dulden ihren Gefährten nicht
im Nistkasten. Er darf
allenfalls auf der Stange am Einschlupfloch sitzen, von wo aus er seine
Partnerin mit leisen Rufen zur Futterübergabe lockt. Dringt ein
Hahn in den Nistkasten ein, stimmt das Weibchen eine scheinbar nicht
enden wollende Folge von krächzenden Schimpflauten an, mit denen
sie ihm signalisiert, dass er im Innern des Nistkastens ganz und gar
nicht willkommen ist. Ignoriert der Hahn ihre akustischen Warnsignale,
setzt es wütende Schnabelhiebe, die dann meist selbst das
"dickfelligste" Männchen dazu veranlassen, die Nisthöhle
fluchtartig zu verlassen.
Wie es sich für jede gute Regel gehört, existieren auch in diesem Fall Ausnahmen.
Eines meiner eigenen Brutpaare saß während der Zeit, in der das Gelege bebrütet
werden musste, fast den gesamten Tag gemeinsam im Nistkasten. Dabei
lag die Henne in der Nistmulde auf den Eiern und ihr Partner schmiegte sich eng
an ihren Körper. Durch das Einschlupfloch konnte ich erkennen, wie sich die
beiden Tiere immer wieder gegenseitig zärtlich an Kopf und Nacken kraulten.
Leise Zwitscherlaute und Gesänge tönten gelegentlich aus
dem Kasten. Streit gab es zwischen den beiden Vögeln nie, obwohl es
zu zweit sehr eng im Kasten gewesen sein muss. Ein direkt am
Einschlupfloch liegender Fressnapf diente beiden als bequeme Möglichkeit,
Nahrung aufzunehmen, ohne den Nistkasten verlassen zu müssen (siehe Abbildung
rechts).
Um das Gelege optimal wärmen zu können, finden während
der Brutsaison einige Veränderungen im und am Körper der
Wellensittichweibchen statt. Eine Hormonumstellung sorgt dafür, dass
die brütenden Hennen am Bauch einen Teil ihrer Federn verlieren.
Vor allem das weiche Untergefieder (die Dunen) fällt kurz nach der
Eiablage teilweise aus. Ferner verändert sich die Haut im Bereich des
Bauches. Sie wird stärker durchblutet, und bei manchen Hennen
wird das Fettgewebe in der Unterhaut gelartig, was sonderbar, ja schon
fast nach einer krankhaften Veränderung aussieht, aber trotz alledem normal ist,
sofern sich der Bereich nach der Brut wieder in straffe Haut verwandelt.
Man nennt diese Veränderungen am Bauch des brütenden Wellensittichweibchens
im Fachjargon den "Brutfleck".
Bei den meisten anderen Vogelarten ist der Brutfleck erheblich
deutlicher ausgeprägt als bei den Wellensittichen. Die Abbildung in diesem
Absatz zeigt einen überdurchschnittlich auffälligen Brutfleck.
|