Miguel

Sein Fußring besagt, dass Miguel im Jahr 2017 das Licht der Welt erblickt haben soll. Was genau in den ersten Jahren seines Lebens alles geschehen ist, kann er uns leider nicht erzählen. Und wenn er es könnte, wäre es vermutlich keine schöne Geschichte … Alles, was ich über den türkis gefärbten Katharinasittichhahn weiß, ist, dass er Anfang 2020 aus einem Tiermessie-Haushalt gerettet wurde. Wochenlang war er zunächst in einem Tierheim untergebracht und wurde dann an eine Berliner Vogelexpertin übergeben, weil er eine sehr schlecht heilende Wunde am linken Bein hatte. Die Verletzung war gravierend, große Hautbereiche fehlten. Nur sehr langsam schloss sich die Wunde, und leider war das nachwachsende narbige Gewebe relativ starr. Dadurch und infolge der verletzten Sehnen sowie Muskeln wurde sein Bein steif. Noch dazu schien es zu jucken oder zu brennen. Deshalb riss sich Miguel viele Federn aus und nestelte immer wieder mit dem Schnabel an der Wunde herum. Das verzögerte die Heilung erheblich, wenngleich er sich tapfer regelmäßig mit Salbe einreiben ließ.

In seiner Pflegestelle wurde er liebevoll umsorgt. Leider gab es dort jedoch keine anderen Katharinasittiche. Zusehends litt Miguel unter der Einsamkeit und versuchte in seiner Verzweiflung sogar, Kontakte zu den Wellensittichen zu knüpfen. Beharrlich hielt er sein Köpfchen hin, damit er gekrault wurde. Meist gab es nur Schnabelhiebe – Wellensittiche haben es meist nicht so mit artfremden Vögeln. Der Vogelmann tat seiner Pflegerin sehr leid und sie begann damit, ein Zuhause für ihn zu suchen, in dem er weiterhin eine verlässliche Wundversorgung erhalten und gleichzeitig unter seinesgleichen leben können würde. So kamen wir im März 2020 in Kontakt und ich sagte zu, Miguel aufzunehmen. So schnell wir uns auch einig waren – die Corona-Pandemie wurde leider zu einem hemmenden Faktor.

Wochenlang fand sich keine Mitfahrgelegenheit für den Vogel. Die normalerweise immer stark frequentierte Strecke Berlin – Ruhrgebiet wurde im Zuge von „Bleib zu Hause“ deutlich weniger befahren. Es war zutiefst frustrierend, denn Miguel wurde von Tag zu Tag unausgeglichener, weil er sich so schrecklich einsam fühlte. Am Karfreitag, den 10. April 2020, fuhr die Vogelfreundin die Strecke schließlich selbst, damit Miguel endlich zu mir gelangen konnte. An jenem Feiertag waren die Straßen leer und sie hatte zum Glück eine sichere Hin- und Rückreise ohne Zwischenfälle. Und Miguel hat alles gut überstanden. Weil er schon lange intensiv behandelt und medizinisch eng überwacht wurde, konnte er sofort in mein Vogelzimmer ziehen, denn er hatte abgesehen von seiner schlecht heilenden Wunde keine Erkrankungen „im Gepäck“.

Es war herzzerreißend, wie sehr er sich darüber freute, endlich andere Katharinasittiche zu sehen. Die anderen Schwarmmitglieder – damals waren es fünf – kamen sofort angelaufen und begrüßten ihn. Alles lief sehr gut und man „beschnupperte“ einander. Die blinde Rafaela ließ ihn sogar gleich ganz nahe an sich heran. Sie hat grundsätzlich keinerlei Berührungsängste in Bezug auf Artgenossen, was Miguel sicherlich half, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen. Während der folgenden Tage setzte sich der positive Verlauf fort. Es gab kein Gezanke und Gestänker – Miguel war willkommen. Allerdings hielten viele der anderen Katharinasittiche erst einmal ein wenig Abstand, was ein für diese Vogelart typisches Verhalten ist. Das Motto der Kathis scheint zu lauten: Man muss sich viel Zeit zum Kennenlernen lassen, danach kann man weitersehen. Miguel wollte aber so schnell wie möglich kuscheln, das sah man ihm an.

So sehr er sich auch nach körperlicher Nähe sehnte, die Katharinasittiche wollten ihn zunächst noch nicht kraulen. Er versuchte deshalb sein Glück bei den Wellensittichen. Erstaunlicherweise nahm sich der schwer gehandicapte Barry sofort seiner an und kraulte ihn stundenlang. Die beiden wurden schnell Freunde, wenn auch nur für kurze Zeit, weil Barry bedauerlicherweise etwa einen Monat nach Miguels Einzug starb.
In der Zwischenzeit hatte sich die Beziehung zu den anderen Katharinasittichen verbessert, die anderen Vögel ließen endlich mehr körperliche Nähe zu. Fiorella war längst bereit, Miguel nachts neben sich in ihrer Schlafbox ruhen zu lassen. Seine Einsamkeit hatte also seinerzeit endlich ein Ende, obwohl er nach wie vor nicht fest verpaart war. Das schien ihm aber anfangs gar nicht so wichtig zu sein. Für Miguel hatte es offenbar einen viel höheren Stellenwert, nicht allein zu sein. Da reichten gute Freunde aus. Erst mit der Zeit wollte er eine Partnerin für sich haben, was sich dann auch tatsächlich ergab. Lange Zeit war er glücklich mit der blinden Rafaela verpaart, die beiden wichen einander kaum von der Seite. Bedauerlicherweise starb sie Ende Februar 2023, seitdem ist er wieder Single und ich hoffe, dass ich bald eine neue Gefährtin für ihn finden werde.

Doch zurück zu seiner Anfangszeit: Nicht alles war nach seiner Ankunft in meiner Obhut so positiv. Seine Verletzung riss er sich kurz nach seinem Einzug ins Vogelzimmer wieder so heftig auf, dass er enorm viel Blut verlor. Vermutlich war der Umgebungswechsel mit so viel Aufregung verbunden gewesen, dass er die durch den Stress aufgebaute innere Anspannung durch diese Selbstverletzung abzubauen versuchte. Wir waren in der Zeit danach mehrfach beim Tierarzt und seine Wunde wurde mit Kaltplasma behandelt. Außerdem blieb sein Bein dauerhaft bandagiert und zur Sicherheit bekam Miguel eine Halskrause, die er leider ständig tragen musste – ebenso wie die Schutzbandage am Bein. Er kam damit gut zurecht, und doch verletzte er sich Anfang Dezember 2022 selbst so schwer an seinem Bein, dass es nicht mehr zu retten war. In einer Notoperation musste es amputiert werden.

Obwohl er nun nur noch ein Bein hat, kommt er erstaunlich gut zurecht – und er muss keine Halskrause mehr tragen. Es scheint sogar so zu sein, dass das steife Bein ihn früher mehr eingeschränkt als in der Fortbewegung unterstützt hat. Seit der Amputation ist er regelrecht aufgeblüht. Hätte ich das geahnt, hätte ich diesen Schritt unter Umständen schon eher gewagt – aber wie heißt es so schön? Hinterher ist man immer schlauer. Spannend ist auch, dass Miguel inzwischen sehr häufig mit den Flügeln flattert und sozusagen „Trockenflugübungen“ veranstaltet. Wirklich fliegen kann er aus unbekannten Gründen nicht. Dieses Flattern hat er vor der Beinamputation nie gezeigt, möglicherweise hat sein steifes Bein Schmerzen verursacht. Und neuerdings liebt er es, ausgiebig zu baden. Früher war es für ihn unangenehm, wenn das Narbengewebe nass geworden ist.

In meinem für gehandicapte Vögel speziell eingerichteten Vogelzimmer kommt er trotz seiner erheblichen gut zurecht und weiß genau, wie er seine bevorzugten Sitzplätze erreichen kann. Es gibt sehr viele Kletterstrecken, die er trotz seiner körperlichen Einschränkungen gut meistern kann. Sein absoluter Lieblingsplatz ist die große Hängemattenschaukel. Miguel quietscht vor Vergnügen, wenn ich sie anstoße und er weit schwingend schaukeln kann. Vielleicht fühlt sich das ja für ihn ein wenig wie Fliegen an, wer weiß.