Rafaela, die blinde Vogeldame

Rafaela beim fröhlichen Singen.
Rafaela beim fröhlichen Singen.

Als sie im späten Frühling des Jahres 2019 zur Welt kam, war diese Katharinasittichdame kerngesund und wuchs bei ihrem Züchter zu einem stattlichen Vogel heran. Muskulös, kräftig gebaut und sehr agil war die cremefarbene junge Vogeldame. Als sie alt genug war, von ihren Eltern getrennt und abgegeben zu werden, fanden sich schnell Interessenten für sie. Ihr Leben hätte fantastisch werden können, wenn alles nach Plan gelaufen wäre. Sie war sehr erwünscht und sollte in eine ausgesprochen gute Vogelhaltung mit viel Erfahrung kommen, doch dann ereignete sich ein tragisches Unglück. Als sie für diesen Umzug beim Züchter eingefangen wurde, reichte ein Sekundenbruchteil der Unaufmerksamkeit. Es gelang dem Vogelweibchen, sich aus den sie greifenden Händen zu entwinden und mit vollem Tempo fliegend zu fliehen. Dabei prallte sie mit dem Kopf voran gegen ein hartes Hindernis und verletzte sich bei diesem Kollisionsunfall schwer.

Durch einen schweren Unfall erlitt Rafaela Einblutungen in beiden Augen, wodurch sich die Netzhäute ablösten und der Vogel erblindete.
Durch einen schweren Unfall erlitt Rafaela Einblutungen in beiden Augen, wodurch sich die Netzhäute ablösten und der Vogel erblindete.

Sie wirkte benommen und wurde schnellstmöglich zu einer vogelkundigen Tierärztin gebracht. Ihre Gehirnerschütterung war sicher nicht angenehm, aber sie war nicht ihr größtes Problem. Die Tierärztin stellte fest, dass es durch den sehr harten Aufprall Einblutungen in beide Augen gegeben hatte. Die Netzhäute hatten bereits damit angefangen, sich abzulösen. Geschieht dies, geht die Sehfähigkeit unwiederbringlich verloren. Es gibt keine Möglichkeit, diese Verletzungen in den Augen wieder zu heilen. Ein ebenfalls zurate gezogener Tier-Augenarzt bestätigte die Diagnose. Rafaela würde also zeitlebens vollständig blind sein und es wurde die Frage laut, ob ein dermaßen schwer eingeschränkter Vogel überhaupt lebensfähig sei.

Ihre Halter standen vor einer schwierigen Entscheidung. Sollten sie auf den Hinweis des Arztes hören und den Vogel einschläfern lassen? Oder sollten sie ihm eine Chance geben? Und wenn ja, wie? Sie wandten sich an das Katharinasittichnetzwerk und ließen sich beraten, was eine wirklich gute Entscheidung war. So kam ich innerhalb kürzester Zeit mit den verzweifelten Menschen in Kontakt, die sich sicher waren, einem blinden Vogel keine idealen Bedingungen in ihrer Außenvoliere bieten zu können. Deshalb waren sie auf der Suche nach einem behindertengerechten Zuhause mit Innenhaltung, und in meinem Vogelzimmer war gerade ein Platz frei. Also sagte ich zu, sie aufzunehmen, zumal ich viel Erfahrung mit der Haltung blinder Vögel habe.

Auf dem schwingenden Sitzseil hält sich Rafaela sehr gern auf.
Auf dem schwingenden Sitzseil hält sich Rafaela sehr gern auf.

Weil die erst wenige Tage zuvor erblindete Vogeldame schnellstmöglich umziehen sollte, um sich gleich in ihrem endgültigen Zuhause eingewöhnen zu können, anstatt erst noch die Umgebung bei ihren vorherigen Haltern kennenzulernen, handelten wir sehr schnell. Als ich morgens am 26. August 2019 meinen Computer einschaltete, ahnte ich noch nichts von Rafaelas Existenz. Innerhalb der kommenden drei Stunden überschlugen sich dann die Ereignisse. Am Nachmittag stieg der Vogel im Handgepäck des früheren Halters in einen Zug ein. Und um kurz nach 20 Uhr nahm ich die junge Vogeldame am Essener Hauptbahnhof entgegen. Zwischen dem Lesen der Nachricht „ein blinder Katharinasittich braucht dringend ein Zuhause“ und Rafaelas Ankunft bei mir zu Hause lagen nicht einmal 14 Stunden, und das, obwohl sie erst einmal aus Norddeutschland anreisen musste!

Im Vogelzimmer kommt Rafaela trotz ihrer Blindheit glücklicherweise bestens zurecht.
Im Vogelzimmer kommt Rafaela trotz ihrer Blindheit glücklicherweise bestens zurecht.

Schon am nächsten Morgen aß sie mit großem Appetit. Weil sie in den vorangegangenen Tagen mehrmals sehr gründlich von Tierärzten durchgecheckt worden war und abgesehen von ihrer bereits abgeklungenen Gehirnerschütterung kerngesund war, durfte sie bald in mein Vogelzimmer einziehen. Sehr zu meinem Entsetzen versuchte sie anfangs noch zu fliegen. Ich konnte nur hoffen, dass sie bald damit aufhören würde, damit sie nicht wieder verunglücken würde. Eine Schnabelprellung und etwa fünf leichte Bruchlandungen später stellte sie ihre Flugversuche dann zum Glück ein und bewegte sich nur noch gehend und kletternd fort. Es dauerte nur etwa zwei Wochen, bis sie durch vorsichtiges Ausprobieren eine „mentale Landkarte“ des Vogelzimmers in ihrem Gehirn erstellt hatte. Seither läuft sie zielsicher umher und findet sowohl das Futter als auch ihre Lieblingsplätze problemlos. Mit der Zeit lernte sie es sogar, den komplizierten Kletterparcours zum Schlafkäfig zu meistern. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel, wie sie das geschafft hat, da sie wirklich ganz und gar blind ist und nicht einmal hell oder dunkel unterscheiden kann.

Rafaela nach einem ausgiebigen Bad.
Rafaela nach einem ausgiebigen Bad.

Genauso schnell, wie sie sich im Vogelzimmer zurechtfand, knüpfte sie Freundschaften mit meinen anderen Vögeln. Ihre engsten Freunde wurden Smoky und die ebenfalls blinde Marisol. Mit ihnen kuschelte sie sehr oft, es wurde sich gegenseitig gefüttert und am Tage wichen die drei Katharinasittiche einander nur selten von der Seite. Nachts wurde zu dritt in einer Schlafhöhle gekuschelt. Somit hatte sich für Rafaela doch noch alles zum Guten wenden können, weil ihre Halter so besonnen waren, sie nicht vorschnell einschläfern zu lassen. Tag für Tag zeigt mir Rafaela, wie lebensfroh ein blinder Vogel sein kann.

Doch zurück zu ihren innigen Freundschaften. Leider starb Marisol einige Monate nach Rafaelas Einzug. Dadurch wurde aus dem innigen Trio ein Duo. Fortan war Smoky ständig an ihrer Seite und die beiden waren ein wundervolles Paar. Bis bedauerlicherweise auch Smoky aus dem Leben schied. Er starb im Oktober 2020 an Altersschwäche. Für Rafaela war das ein Schock, weil sie seither keinen Kuschelpartner mehr hat. Ich bemühe mich nach Kräften, einen neuen Partner für sie zu finden, was mir hoffentlich bald gelingen wird.

Wie die meisten meiner anderen Katharinasittiche sollte auch Rafaela einen spanischen Namen bekommen. Weil anfangs noch unklar war, ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelt, entschied ich mich für Rafael(a). Noch bevor ich einen DNA-Test in Auftrag geben konnte – bei Cremino-Katharinasittichen kann man das Geschlecht nicht anhand äußerer Merkmale erkennen -, legte Rafaela allerdings ein Ei. Damit war der eindeutige Beweis erbracht, dass sie ein Weibchen ist. Die 20 €, die ich nicht mehr für den Labortest ausgeben musste, habe ich daraufhin in Leckerbissen für die Vögel investiert. 😉