Erfahrungsbericht über Wellensittich Berti

Erfahrungsbericht Andreas Suether, Juli 2006

Rechts im Bild ist Wellensittich Berti (rechts), dessen linkes Bein amputiert wurde.
Rechts im Bild ist Wellensittich Berti (rechts), dessen linkes Bein amputiert wurde.

Berti fanden wir Ende 2005 in einer Tierhandlung. Er saß separiert in einem kleinen Käfig ohne Sitzstangen. Auffällig war sein rechtes Bein. Es stand unnatürlich nach oben. Vom Anblick hätte man darauf schließen können, dass seine Hüfte luxiert (ausgekugelt) ist.

Wir entschlossen uns, Berti mitzunehmen und stellten ihn direkt einen Tag später einem vogelkundigen Tierarzt vor. Die Röntgenuntersuchung brachte eine traurige Diagnose zu Tage: Die Hüfte war nicht luxiert, eine andere Verletzung verursachte die unnatürliche Beinstellung.

Als Berti noch im Kükenalter war, hatte er sich einen mehrfachen, komplizierten Beinbruch (Trümmerbruch im Knie, Grünspanbruch des Oberschenkels) zugezogen, welcher bedauerlicherweise unbehandelt geblieben war. Dass sich der Züchter unverantwortlich verhalten hatte, steht hier außer Frage. Durch die ausbleibende Behandlung der Verletzung kam es dazu, dass das Bein in dieser anatomisch nicht korrekten Lage wieder verheilte.

Nach seiner Beinamputation saß Wellensittich Berti gern auf seinem Liegebrettchen.
Nach seiner Beinamputation saß Wellensittich Berti gern auf seinem Liegebrettchen.

Wir hatten nun die Wahl, Bertis Bein so zu belassen oder eine Operation zu veranlassen, in der versucht werden sollte, das Bein chirurgisch zu Brechen und in seiner natürlichen Position zu fixieren. Berti war zwar dazu in der Lage, mit der Fehlstellung seines Beines zu fliegen, aber sie schränkte ihn doch deutlich ein. Somit entschlossen wir uns zu der Operation.

Allerdings gab es keine Garantie dafür, dass er sein Bein danach voll bewegen können würde. Zusätzlich bestand die Gefahr, dass es beim Brechen des Beines zu einer Verletzung der Blutgefäße kommen könnte. Nach der Operation schien erst einmal alles bestens zu laufen. Berti arrangierte sich gut mit dem Verband.

Leider kam es dann allerdings doch anders als erhofft. Etwa eine Woche nach der Operation begannen Bertis Zehen, sich schwarz zu färben – ein deutliches Anzeichen für mangelnde Durchblutung. Nach einem Eiltransport zum vogelkundigen Tierarzt erhielt Berti von diesem Moment an ein Mittel zur Steigerung der Durchblutung der Kapillargefäße (= feinste Äderchen im Blutkreislaufsystem).

Das Mittel zeigte anfangs durchaus eine Wirkung. Später mussten wir aber feststellen, dass der Kampf um sein Bein verloren war. Es starb trotz all unserer Bemühungen, es zu retten, letztlich doch ab. Damit standen wir beim vogelkundigen Tierarzt vor der nächsten Entscheidung: Amputation oder Einschläfern lassen.

Nach kurzer Überlegung und Abwägung was Paulinchen, Bertis Freundin, wohl davon halten würde, gaben wir das „Go“ für die Amputation. Da Berti so voller Lebensfreude war, überstand er auch diesen Eingriff ohne Probleme. Das Foto ganz oben rechts zeigt seinen Beinstumpf nach der Abheilung. Neben diesen Zeilen ist der unversehrte Fuß zu sehen, an dem sich eine Druckstelle gebildet hat, was leider eine typische Folge einer einseitigen Belastung ist. Solche Druckstellen müssen ständig kontrolliert werden, damit sich kein eitriges Geschwür bildet.

Weil er im tieferen Sinne nie wirklich ein zweites Bein hatte, benötigte er auch nicht viel Zeit, um sich mit seinem neuen Zustand zurecht zu finden. Heute braucht es zwei Blicke um zu bemerken, dass er ein wenig anders ist, so gut hat er sich mit der Situation arrangiert.

Bertis Beinstumpf nach der Operation.
Bertis Beinstumpf nach der Operation.
Am rechten Fuß hat sich eine Druckstelle entwickelt, weil die Gliedmaße nach der Amputation des anderen Beines zu viel Last tragen musste.
Am rechten Fuß hat sich eine Druckstelle entwickelt, weil die Gliedmaße nach der Amputation des anderen Beines zu viel Last tragen musste.
Buchtipp
Cover des Buches 'Vogelhaltung mit Handicap'Weil mir, der Betreiberin von Birds-online.de, gehandicapte Vögel so sehr am Herzen liegen, habe ich gemeinsam mit der erfahrenen Vogelhalterin Sigrid März ein Buch geschrieben. Darin werden die häufigsten Handicaps vorgestellt, Herausforderungen im Alltag beschrieben und natürlich Lösungen aufgezeigt. Von Amputationen über Blindheit bis hin zu altersbedingten Einschränkungen wie Arthrose reicht die Themenpalette. Ergänzend gibt es ein paar Einrichtungstipps, um gehandicapten Vögeln ein angenehmes und sicheres Umfeld bieten zu können. Wir haben den Inhalt bewusst so gestaltet, dass er sich nicht nur um kleine Sittiche dreht. Kanarienvögel, Täubchen und größere Vogelarten wie Graupapageien und Co. wurden von uns gleichermaßen mit einbezogen.

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