Erfahrungsbericht über Wellensittich Nisha

Text und Bilder von Gaby Schulemann-Maier (Birds-Online.de), Januar 2008

Bei bestimmten Lichteinfallswinkeln konnte man gut erkennen, dass Nishas Linsen eingetrübt waren - die Augen sahen grau aus.
Bei bestimmten Lichteinfallswinkeln konnte man gut erkennen, dass Nishas Linsen eingetrübt waren – die Augen sahen grau aus.

Meine Freundin Petra Schröder engagiert sich sehr im Bereich der Vermittlung von Wellensittichen und anderen Vögeln. Im Sommer 2007 gelangten ein Wellensittichmännchen und ein Weibchen in ihre Obhut. Einer dieser beiden Vögel sollte Petra kurze Zeit später erhebliche Probleme bereiten. Obwohl sie sich einen Käfig teilten, waren die Tiere kein festes Paar. Das Männchen war recht agil, aber das Verhalten des Weibchens beunruhigte Petra.

Ständig erschrak der Vogel und er schien unbeholfen. Bald keimte deshalb der Verdacht bei der Vogelfreundin auf, dass das Tier eventuell nicht richtig sehen kann. An einem Wochenende besuchte ich Petra und warf einen Blick auf die Augen des Wellensittichs. Indem ich mit einer Taschenlampe hinein leuchtete und den Pupillenreflex testete (er war leider nicht mehr vorhanden), stellte ich fest, dass der Vogel auf das Licht praktisch nicht reagierte.

Anfangs war Nisha in der neuen Umgebung noch sehr schüchtern.
Anfangs war Nisha in der neuen Umgebung noch sehr schüchtern.

Zudem konnte ich im Schein der Lampe in beiden Augen eine Eintrübung der Linse erkennen. Die Vermutung lag nahe, dass das Weibchen nahezu vollständig erblindet war. Einige Tage später brachte Petra den Sittich zu einem Vogel-Facharzt, der die Eintrübung der Linsen ebenfalls sofort sah. Auch er war der Ansicht, dass der Vogel allenfalls schemenhaft Unterschiede zwischen Hell und Dunkel wahrnehmen kann – wenn überhaupt.

Aus der geplanten Vermittlung des Weibchens wurde nichts, das Männchen zog kurze Zeit später zu einer lieben Vogelfreundin und lebte sich in deren Schwarm prächtig ein. Petra hatte entschieden, das Weibchen zu behalten und den Versuch zu starten, das Tier in ihren Wellensittich-Schwarm zu integrieren. Bedauerlicherweise war Nisha, die zu diesem Zeitpunkt noch Bonny hieß, extrem unsicher, was ein anderes Weibchen offenbar als Einladung dazu ansah, sie kräftig zu mobben.

Hella stürzte sich auf die wehrlose Schwarmgefährtin und verprügelte sie. Glücklicherweise konnte Petra sofort eingreifen, sonst wäre es vermutlich zu einem Blutvergießen gekommen, bei dem die Siegerin sicherlich Hella gewesen wäre. Nach dem Vorfall war Nisha noch verstörter und bewegte sich nicht mehr von ihrer Schaukel. Auch fraß sie nur Hirse, die Petra so anbringen musste, dass der Kolben direkt vor der Schaukel baumelte. Anderes Futter fand die Vogeldame nicht und sie machte auch nicht den Eindruck, als würde sie überhaupt den Mut haben, danach zu suchen. Sie war in sich gekehrt und durch und durch verstört. Somit war klar, dass der Vogel Hilfe und intensive Zuwendung benötigte.

Es dauerte nicht lange, bis Nisha selbstbewusster wurde, weil sie merkte, dass ihr im Vogelzimmer nichts Unangenehmes widerfuhr.
Es dauerte nicht lange, bis Nisha selbstbewusster wurde, weil sie merkte, dass ihr im Vogelzimmer nichts Unangenehmes widerfuhr.

Weil ich schon früher blinde und stark sehbehinderte Vögel gepflegt habe und mein Vogelschwarm aktuell keine „Raufbolde“ enthielt, zog Nisha Ende Juli 2007 zu mir. Wir wollten versuchen, ob sie in meinem behindertengerecht eingerichteten Vogelzimmer besser zurechtkommen würde. Anstatt sie in einen Käfig einzusperren, ließ ich sie nach einer Eingewöhnungsphase wie die anderen Tiere frei im Vogelzimmer frei. Ich vertraute darauf, dass sie sich die Umgebung auf einer „mentalen Landkarte“ einprägen würde. Anfangs war sie verwirrt und hatte Angst, aber weil die anderen Vögel sie nicht mobbten, begann sie bald damit, vorsichtig ihre Umgebung zu erkunden. Sie merkte sich die Positionen der Sitzäste, der großen Schaukeln und der Bambus- sowie der Weidenkugel. Sie begann sogar zu fliegen, wenn auch immer sehr langsam und leider manchmal mit etwas unsanften Landungen. Verletzt hat sie sich in der Lernphase glücklicherweise nicht.

Während ich mir noch den Kopf darüber zerbrach, wie ich ihr zeigen sollte, wo sich das Futter befindet – Nisha hatte panische Angst vor Menschen -, fand das schlaue Tier selbst eine Lösung: Weil meine Vögel rationiertes Futter erhalten, das ich ihnen zu bestimmten Tageszeiten portionsweise reiche, stürzte sich die „hungrige Meute“ auf die Nahrung. Das Gerangel und die Fressgeräusche sind dann nicht zu überhören, auch nicht für Nisha, die geradewegs auf das Getümmel zuflog und mutig mitten im Futter landete.

Die Geräusche, die die anderen Vögel beim Fressen machten, lockten auch die blinde Nisha ins Getümmel am Fressnapf.
Die Geräusche, die die anderen Vögel beim Fressen machten, lockten auch die blinde Nisha ins Getümmel am Fressnapf.
Nisha auf einem ihrer Lieblingsplätze - im Hintergrund schaut das Männchen Bubi sie interessiert an.
Nisha auf einem ihrer Lieblingsplätze – im Hintergrund schaut das Männchen Bubi sie interessiert an.

Das frische Obst und Gemüse, welches ich immer an zwei bestimmten Stellen im Vogelzimmer auslege, fand sie hingegen eher zufällig im Rahmen ihrer Erkundungen. Sie lief gegen ein Stück Apfel, begann neugierig daran zu knabbern und merkte sich die Position des Futterplatzes. Nach nicht einmal zwei Wochen steuerte sie zielsicher das Körnerfutter und auch die Frischkost an, wenn sie hungrig war, die Position des Trinknapfes hatte sie sich auch gemerkt. Fortan benötigte sie die Fressgeräusche ihrer Schwarmgefährten nicht mehr als Orientierungshilfe.

Im Vogelzimmer gab es viele Spielzeuge und Möglichkeiten zum Knabbern, was Nisha gern nutzte.
Im Vogelzimmer gab es viele Spielzeuge und Möglichkeiten zum Knabbern, was Nisha gern nutzte.

Die Nächte verbringen meine Vögel normalerweise alle in ihren Schlafkäfigen, weil ich Unfälle vermeiden und vor allem den Raum lüften möchte. Nisha bekam einen Schlafkäfig für sich allein, in dem sie niemand von ihrer Schaukel schubsen würde. Sie in den Käfig zu schicken, war allerdings anfangs kompliziert. Nach wie vor hatte sie große Angst vor Menschen, insbesondere vor Händen. Vermutlich ist sie vom vorherigen Halter öfter angefasst worden, was ihr panische Angst bereitet haben muss, weil sie die Berührungen nie kommen gesehen hat.

Ich überlegte mir eine Strategie, um sie nicht ständig dieser Angst aussetzen zu müssen. Damit ich sie nicht zukünftig jeden Abend mit den Händen greifen muss, versuchte ich Nisha an gesprochene Kommandos zu gewöhnen. „Nisha, auf!“ Dieser Befehl kommt immer dann zum Einsatz, wenn ich ihr meinen Finger vor den Bauch halte, damit sie darauf klettert. Zu Beginn wollte sie davonfliegen, sodass ich sie leider mit der anderen Hand behutsam fixieren und auf den Finger dirigieren musste. Nach einigen Monaten brauchte ich die zweite Hand nicht mehr und Nisha klettert seitdem bereitwillig auf den Finger, weil sie gelernt hat, dass sie in den Käfig getragen wird und ihr nichts geschieht.

Im Schlafkäfig angekommen, soll sie von meinem Finger auf die Schaukel steigen. Damit sie dies weiß, habe ich ihr den Befehl „Nisha, runter“ beigebracht. Bei den ersten Malen habe ich ihren Bauch leicht gegen die Schaukel gedrückt, damit sie sich in Bewegung setzt. Inzwischen reicht der akustische Befehl, um sie dazu zu bringen, auf die Schaukel zu klettern. Sie weiß, dass sich der Sitzsteg direkt vor ihren Füßen befindet und steigt ganz entspannt vom Finger auf die Schaukel, ohne vorher mit dem Schnabel deren Position zu kontrollieren. Offenkundig hat sie also gelernt, mir zu vertrauen.

Auf der wackeligen Schaukel saß Nisha besonders gern.
Auf der wackeligen Schaukel saß Nisha besonders gern.

Weil ich in den ersten Monaten befürchtete, sie würde zu wenig trinken, habe ich sie daran gewöhnt, abends vor dem Schlafengehen ein paar Tröpfchen Wasser aus einer Spritze zu trinken. „Nisha, Trinken“ lautet der entsprechende akustische Hinweis. Zu Beginn ließ ich vorsichtig Wasser an ihrem Schnabel entlang perlen, sie erschrak während der ersten Male leider ein wenig, gewöhnte sich aber nach einigen Wochen daran. Rund ein halbes Jahr später hat sie damit begonnen, ein erstaunliches Verhalten an den Tag zu legen. Ist sie durstig und hört sie den Befehl zum Trinken, öffnet sie sofort den Schnabel und tastet mit der Zunge erwartungsvoll in der Luft, weil sie auf die Spritze und das Wasser wartet. Findet sie die Spritze, beißt sie sich daran fest und nuckelt regelrecht daran.

Morgens hole ich Nisha aus ihrem Schlafkäfig. Damit sie sich an die verschiedenen Tageszeiten und die umgekehrte Reihenfolge gewöhnt, habe ich ihr den Befehl „Nisha, komm“ beigebracht. Ich halte dabei die Hand unter sie, damit sie entweder nach vorn oder hinten von der Schaukel absteigen kann. Etwa fünf Monate nach ihrem Einzug in mein Vogelzimmer begann sie damit, sich morgens vertrauensvoll in meine Handfläche zu kuscheln und sogar den Kopf ins Gefieder zu stecken, wenn sie noch müde war. Manchmal kostet es einiges an Überredungskunst, sie dazu zu bringen, auf die Weidenkugel zu klettern, auf der ich sie jeden Morgen absetze. Sie ruhte allem Anschein nach gern in der warmen Hand, die sie nun endlich mit etwas Positivem in Verbindung brachte.

Die große Bambuskugel lud zum Klettern ein und war für die blinde Nisha wie ein Abenteuerspielplatz.
Die große Bambuskugel lud zum Klettern ein und war für die blinde Nisha wie ein Abenteuerspielplatz.

Der entsprechende Hinweis zum Absteigen lautet „Nisha, runter“ und ich klopfe mit der freien Hand auf die Kugel, weil die Weidenzweige dann ein charakteristisches Geräusch verursachen und Nisha so weiß, wo sie sich befindet. Wenn sie nicht aus der warmen Hand aufstehen mag, muss ich sie manchmal mit der anderen Hand greifen und auf der Bambuskugel absetzen. Glücklicherweise bereitet ihr dies schon lange keine Angst mehr.

Bei den akustischen Befehlen achte ich darauf, den Vogel zunächst mit seinem Namen anzusprechen. Weil ich manchmal auch mit anderen Tieren spreche (sie verstehen mich vermutlich nicht, aber wenn sie Unsinn machen, muss ich meinem Unmut einfach Luft machen 😉 ), soll sie in jedem Fall wissen, dass sich meine Aufmerksamkeit in den jeweiligen Situationen auf sie richtet. Außerdem ist es meiner Erfahrung nach wichtig, die Befehle immer in derselben Stimmlage und Betonung vorzutragen, damit sich die gehandicapten Sittiche den Klang der Worte einprägen und mit den einzelnen Situationen verknüpfen können.

Was die anderen Vögel angeht, so hat sich Nisha ebenfalls sehr zum Positiven entwickelt. Fremdelte sie anfangs noch, geht sie nun auf die Schwarmgefährten zu und sie scheint einzelne Individuen sogar an der Stimme zu erkennen, wenn sie gerade zwitschern. So bettelt sie beispielsweise Bubi um Futter an, wenn er neben ihr sitzt, und das auch im Dämmerlicht, wenn sie garantiert nichts mehr sehen kann. Anfang 2008 konnte ich sogar beobachten, wie sie sich mit Bubi gepaart hat. Aber auch neben dem hellblauen Speedy sitzt sie gern.

Aus dem einstmals so verstörten Federbündel ist inzwischen ein selbstbewusster Wellensittich geworden, der seine Behinderung perfekt meistert und wie alle anderen Vögel agil am Schwarmleben teilnimmt. Zu Nishas Lieblingsbeschäftigungen gehört es übrigens, die Korkröhre zu zernagen – typisch Weibchen eben!

Nachtrag

Wenige Wochen nach dem Verfassen dieses Berichts versagten Nishas Nieren plötzlich. Innerhalb von nur drei Stunden baute sie so sehr ab, dass keine Rettung mehr möglich war. Um ihr weiteres Leid zu ersparen, wurde sie eingeschläfert. Ich bin froh, dass sie zuvor noch einige Zeit erleben durfte, wie schön das Schwarmleben sein kann. Denn trotz ihrer Blindheit hatte ich den Eindruck, dass sie regelrecht aufgeblüht ist.