Serenio, * Anfang November ’04, † 5. Februar ’05

Serenio war ein wenig zu Kräften gekommen und gerade ins Vogelzimmer eingezogen.
Serenio war ein wenig zu Kräften gekommen und gerade ins Vogelzimmer eingezogen.

Bunter, zahmer, jünger – so in etwa lassen sich die hohen Erwartungen an Wellensittiche zusammenfassen, die in den Köpfen vieler Menschen bedauerlicherweise herumgeistern. Wer einen Wellensittich kauft, möchte schließlich sichergehen, dass das Tier zutraulich wird, und das natürlich möglichst schnell. Am besten gelingt das angeblich, wenn man die Tiere ganz früh von den Eltern und Artgenossen trennt, wenn sie noch neugierige und verspielte „Babys“ sind, heißt es. Und deshalb gelangen immer wieder extrem junge Wellensittiche in die Zoofachhandlungen – so auch Serenio. Für diesen Vogel wäre der Käfig im Zoogeschäft jedoch fast zum Grab geworden, weil ihn sein verantwortungsloser Züchter viel zu früh von seinen Eltern getrennt hatte, die ihn noch einige Tage länger hätten füttern müssen. Der arme Jungvogel war noch nicht dazu in der Lage, sich selbst zu ernähren. Er war noch viel zu jung, hätte es noch üben müssen, während er weiterhin von seinen Eltern mit Futter versorgt wird. Denen war er aber entrissen worden, nur um als „gute Ware“ im Zooladen angeboten werden zu können. Als er dort von einer Vogelkennerin entdeckt wurde, war er dem Hungertod bereits sehr nahe. Leider waren die Spätfolgen der Ereignisse jener Tage aber so verheerend, dass Serenio letztlich trotz aller Bemühungen seiner Retter nur drei Monate alt wurde …

Menschen gegenüber war Serenio sehr anhänglich.
Menschen gegenüber war Serenio sehr anhänglich.

Als die Vogelfreundin Jasmin den jungen Wellensittich zum ersten Mal im Zooladen erblickte – sie wollte dort eigentlich nur Futter für ihre Sittiche kaufen – bot der Kleine einen jämmerlichen Anblick. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Es gelang ihm nicht, vom Boden aus die weiter oben im Käfig angebrachten Sitzstangen zu erreichen. Obendrein hatte das Vögelchen schlechtes Gefieder und allem Anschein nach Durchfall.

Völlig entsetzt vom Anblick des Sittichs, der auf Jasmin zunächst den Eindruck machte, ein Problem mit den Beinen zu haben und gehandicapt zu sein, beschloss sie, helfend einzugreifen. Am nächsten Morgen kaufte sie ihn frei und brachte ihn zu ihrer vogelkundigen Tierärztin. Bei der Untersuchung stellte sich allerdings heraus, dass Serenio keineswegs Probleme mit seinen Beinen hatte, sondern vielmehr ein noch nicht futterfestes Jungtier war, das noch nicht selbst fressen konnte – der arme Vogel war zu diesem Zeitpunkt bereits völlig entkräftet. Ansonsten war er aber glücklicherweise kerngesund, dachten damals alle.

Endlich hatte Serenio es gelernt, selbstständig zu fressen.
Endlich hatte Serenio es gelernt, selbstständig zu fressen.

Einige Tage päppelte Jasmin das ständig um Futter bettelnde Jungtier und fütterte es von Hand mit hochwertigem Aufzuchtbrei. Außerdem widmete sie sich ihm ausgiebig, indem sie ihm sehr oft den Kopf kraulte und ihm die Möglichkeit gab, sich an ihren warmen Hals zu kuscheln. Das war genau die richtige Behandlung für den jungen Sittich, der in seinem Alter normalerweise noch die Nähe seiner Geschwister und Eltern gebraucht hätte. Zwar wäre es besser gewesen, wenn er sich an Artgenossen hätte kuscheln können. Denn durch das Ankuscheln an den Menschen bestand die Gefahr einer Fehlprägung. Jedoch wäre es auch nicht ratsam gewesen, ihn Einsamkeit spüren zu lassen und ihm die Möglichkeit des Ankuschelns zu verweigern. Das hätte zu einem Trauma führen können, denn wenn sich Vögel in einer solch schwierigen Situation völlig allein fühlen, kann das für sie extrem beängstigend sein.

Serenio nach dem ausgiebigen Baden.
Serenio nach dem ausgiebigen Baden.

Nach drei Tagen in Jasmins liebevoller Obhut hatte Serenio riesengroße Fortschritte gemacht und konnte schon ein wenig Hirse zu sich nehmen – ganz allein, versteht sich. Weil Jasmin aber in den darauffolgenden Tagen keine Zeit für die intensive Pflege des Vogels haben würde und ich gerade Urlaub hatte, zog das zu diesem Zeitpunkt knapp fünf Wochen alte Küken am 12. Dezember 2004 bei mir ein. Leider war der arme Vogel nach wie vor viel zu dünn, denn obwohl Jasmin ihn gepäppelt hatte, wog er nur knapp 30 Gramm. In seiner körperlichen Entwicklung war Serenio deshalb ein wenig zurückgeblieben, er war viel zu klein und zu leicht für sein Alter. Nur zwei Wochen später bestand jedoch kein Grund mehr zur Sorge, denn Serenio hatte in der Zwischenzeit 8 Gramm zugenommen und war sogar noch ein wenig gewachsen. Er hatte zudem gelernt, selbst zu fressen und konnte außerdem bestens fliegen.

Wegen der Breireste im Kopfgefieder kratzte sich Serenio oft.
Wegen der Breireste im Kopfgefieder kratzte sich Serenio oft.

Ich glaubte, der überaus liebenswerte, zutrauliche und sehr neugierige Vogelmann würde mir in Zukunft viel Freude bereiten, denn es war beschlossene Sache, dass er bleiben dürfte. Er zog ins Vogelzimmer ein und fand schnell Freunde unter den anderen Sittichen. Mir gegenüber blieb er vertraut und anhänglich, was sehr schön war, da er zwar zahm, aber eben nicht völlig fehlgeprägt war. Somit konnte ich seine offene Art mir gegenüber so richtig genießen. Doch unsere glückliche Zeit miteinander währte leider nicht lang. Am 5. Februar 2005 versagten seine Nieren ohne jede Vorwarnung. All meine Versuche, sein Leben zu retten, waren gescheitert. Mein sofort zurate gezogener Tierarzt erklärte mir, die Nieren seien einige Wochen zuvor nicht ausreichend versorgt worden, als sich Serenio noch im Wachstum befunden hatte und beinahe verhungert wäre. Das hatte sie so schwer geschädigt, dass sie letztlich kurze Zeit später versagt haben.

Die Jugendmauser fing gerade an - wenige Tage später starb Serenio leider.
Die Jugendmauser fing gerade an – wenige Tage später starb Serenio leider.

Durch das, was er im Zooladen erlitten hatte, war sein Körper zu stark in Mitleidenschaft gezogen worden, sodass Serenio kein langes Leben vergönnt war. Sein früher Tod war einzig und allein darauf zurückzuführen, dass er von rücksichtslosen Menschen zu früh von seinen Eltern getrennt und in den Verkauf gegeben worden war. Für Jasmin, die noch immer großen Anteil an seinem Schicksal nahm, und auch für mich brach eine Welt zusammen. Obwohl er nur zwei Monate bei mir gelebt hatte, war er mir mehr ans Herz gewachsen als viele andere Vögel. Wie gern hätte ich ihn als gesundes, erwachsenes Wellensittichmännchen in der Blüte seines Lebens erlebt! Ihn zu verlieren, zerriss mir das Herz – vor allem deshalb, weil sein Tod unnötig und allein auf menschliche Fehler zurückzuführen war. Hätte sein Züchter besser auf ihn Acht gegeben und nicht nur an den Profit gedacht, wäre dem armen Vogel sein trauriges Schicksal sehr wahrscheinlich erspart geblieben. Bedauerlicherweise ist Serenios Geschichte kein Einzelfall, weshalb ich in einem Artikel, der im WP-Magazin (Heft 03/2005) erschienen ist, auf diese Thematik hingewiesen habe.

Serenios Farbschlag heißt Normal in Dunkelblau, zudem war sein Gefieder aufgehellt.

Bedeutung des Namens

Kurz bevor dieser hübsche Wellensittich in meine Obhut gelangte, habe ich die fünf Bände des Ayla-Romanzyklus‘ der amerikanischen Autorin Jean M. Auel gelesen. In einem der Bücher tritt eine Frau vom Volke der Shamudoi in Erscheinung, die den Namen Serenio trägt. Mir gefiel dieser Name sehr gut, deshalb habe ich ihn für den jungen Wellensittich ausgewählt, obwohl mir klar war, dass es sich um ein Männchen handelte.

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