Neurologische Störungen

Achtung: Die auf Birds-Online.de angebotenen Texte und Bilder rund um das Thema Erkrankungen von Vögeln sind als Informationsquelle gedacht. Bitte bringen Sie Ihre erkrankten Vögel immer schnellstmöglich zu einem fachkundigen Tierarzt!

Bei einigen Vögeln liegen Grunderkrankungen vor, die zu neurologischen Ausfällen führen. Hierunter ist zu verstehen, dass das Nervensystem – oft anfallartig und vorübergehend – nicht richtig arbeitet. Diese neurologischen Störungen gehen mit bestimmten Symptomen einher, die weiter unten beschrieben werden. Darüber und über die Ursachen erfahren Sie in diesem Kapitel mehr. Und bitte beachten Sie: Die betroffenen Vögel brauchen vor allem während eines Anfalls die richtige Hilfe, denn es besteht in vielen Fällen akute Verletzungsgefahr.

Symptome

Wegen eines Anfalls sind die Füße dieses Wellensittichs so verkrampft, dass er nicht auf ihnen stehen kann und auf seine Fußgelenke gesackt ist.
Wegen eines Anfalls sind die Füße dieses Wellensittichs so verkrampft, dass er nicht auf ihnen stehen kann und auf seine Fußgelenke gesackt ist.

Die Palette der Symptome bei neurologischen Störungen ist breit gefächert. Es hängt von der Schwere der jeweiligen Grunderkrankung ab, wie stark die einzelnen Symptome ausgeprägt sind. Mitunter erinnert der Zustand der Tiere an etwas, das einem epileptischen Anfall beim Menschen ähnelt.

Bei leichten neurologischen Störungen kann es zu Orientierungslosigkeit, Zittern, leichten Krämpfen und Bewegungsstörungen kommen. Starre Pupillen, ein fliegender Blick (Nystagmus), zuckende, zwanghafte Bewegungen, das Laufen im Kreis und das Verdrehen des Kopfes können ebenfalls mitunter bei leichten Ausfällen beobachtet werden. Manche Vögel schreien, viele sind jedoch während einer Phase mit leichten neurologischen Ausfällen ruhig. Manchmal verkrampfen die Füße und die Vögel können nicht mehr auf ihnen stehen. Sie kippen nach hinten auf die Fußgelenke, während die verkrampften Zehen hochstehen.

Im folgenden Video ist ein Vogel zu sehen, der aufgrund einer neurologischen Störung taumelt und das Gleichgewicht kaum halten kann.

 

Leidet ein Vogel unter schwereren neurologischen Ausfällen, können dieselben Symptome wie bei der leichteren Variante auftreten – allerdings in stärkerer Ausprägung. Wird ein betroffenes Tier dann von Krämpfen geschüttelt, sind diese so stark, dass sich der Vogel nicht mehr auf den Beinen halten kann. Die Tiere rollen unkoordiniert über den Boden und schlagen oft wild mit den Flügeln. In ungünstigen Fällen kann es geschehen, dass der Vogel mit einem Fuß beim Krampfen den eigenen Flügel packt und dermaßen heftig an ihm zieht, dass Knochen im Flügel brechen. Bei neurologischen Störungen, die mit starken Krämpfen verbunden sind, kann es leider zudem geschehen, dass plötzlich das Herz des Vogels versagt. Die Krämpfe sind sehr anstrengend für den Körper, weshalb das Organ mitunter nicht mehr kräftig genug ist. Das betroffene Tier stirbt dann sehr plötzlich, während es krampft.

Die folgenden beiden Filme zeigen einen leichten Anfall bei einem Wellensittich. Das Weibchen litt in unregelmäßigen Abständen an wiederkehrenden Anfällen, deren Ursache bedauerlicherweise nie geklärt werden konnte. Ein erfahrener, auf die Behandlung von Vögeln spezialisierter Tierarzt hat sie sehr gründlich untersucht, dabei aber keinen Hinweis auf einen möglichen Auslöser für die sporadisch auftretenden neurologischen Ausfälle gefunden. Nach dem Anfall, der in den beiden Filmen zu sehen ist, hat sie sich innerhalb weniger Minuten wieder erholt.

 

 

Ursachen

Bei Vögeln können zahlreiche Ursachen zu neurologischen Ausfällen führen. Von der Ursache hängt die Behandlungsstrategie ab, auch die Heilungschancen sind mit den Auslösern der Ausfälle verknüpft. Nicht in jedem Fall ist eine Heilung möglich.

Sehr häufig treten neurologische Ausfälle infolge schwerer Kollisionsunfälle mit Kopfverletzungen (Schädeltraumata) auf. Bei einer starken Gehirnerschütterung ist es ebenfalls möglich, dass es zu neurologischen Problemen kommt. Anderweitig entstandene Kopfverletzungen, also wenn beispielsweise ein Vogel während einer Beißerei von einem Artgenossen verwundet wird, sind mitunter ebenfalls Auslöser neurologischer Ausfälle. Im Fall von Vergiftungen, aber auch bei Vitaminmangel sowie in einem fortgeschrittenen Stadium bestimmter Lebererkrankungen ist das Auftreten neurologischer Ausfälle mitunter zu beobachten. Vögel können zudem von Diabetes betroffen sein, diese Krankheit verursacht in manchen Fällen neurologische Anfälle. Zudem kommen in seltenen Fällen Hirntumoren vor, die zu neurologischen Symptomen führen können. Immer wieder wird auch von Vögeln berichtet, die eine Erkrankung erlitten haben, die einem Schlaganfall ähnelt, oder die an Epilepsie erkrankt sind. Sie zeigen teils schwere neurologische Ausfälle.

Der Wellensittich im Video unter diesem Absatz litt an einem Tumor im Kopf.

 

Sofortige Hilfsmaßnahmen

Einen Vogel während eines neurologischen Anfalls zu erleben, ist für viele Vogelhalter eine nervliche Zerreißprobe. Der Anblick ist erschreckend und der Impuls zu helfen ist meist übermächtig. Aber unbesonnenes Handeln kann für die Tiere zu einer Gefahr werden. Deshalb heißt es zunächst einmal: Tief durchatmen und ruhig werden beziehungsweise bleiben. Ein panischer Halter ist für die Vögel keine große Hilfe.

Das betroffene Tier sollte sehr vorsichtig eingefangen werden. Bei kleinen Vögeln wie Wellensittichen ist am besten eine Hand so unter den Körper zu schieben, dass der Bauch in der Handfläche liegt. Der Daumen und der kleine Finger liegen jeweils an einer der Flanken des Vogels und befinden sich unter einem der Flügel. Von oben wird mit der zweiten Hand der Vogel ganz behutsam fixiert, sodass er nicht mit den Flügeln schlagen kann. Denn dies ist eines der häufigsten Symptome, und mit dem unkontrollierten Flügelschlagen geht leider ein sehr hohes Verletzungsrisiko einher.

Ist der krampfende Vogel auf diese Weise fixiert, sollte mit heftigen Bissen gerechnet werden. Die Tiere sind nicht sie selbst, sogar zahme Vögel beißen mitunter sehr kräftig zu – wer einen großen Papagei fixieren muss, sollte an seine eigene Sicherheit denken! Bei einem kleinen Vogel wie einem Wellensittich ist es zum Glück so, dass er kaum ernsthafte Verletzungen beim Menschen hervorrufen kann, wenn er beißt. Also gilt es, für den Halter, die Zähne zusammenzubeißen und den Vogel dennoch nicht loszulassen, bis er an einen sicheren Ort transportiert worden ist. Ein solcher ist ein sehr großes Kissen oder noch besser ein Bett. Darauf wird das krampfende Tier abgelegt. Wenn es sich dort windet und mit den Flügeln schlägt, kann es sich aufgrund der Polsterung in aller Regel nicht verletzen. Achten Sie darauf, dass sich der Vogel mit den Krallen nicht im Stoff von Bett- oder Kissenbezügen verfangen kann. Bleibt er hängen und krampft er weiter, besteht Bruchgefahr für die Fuß- und Beinknochen oder es können Sehnen verletzt werden.

Sorgen Sie für Ruhe und gedämpftes Licht. Das Tier sollte nicht mit Reizen überflutet werden. Der Vogelhalter selbst sollte am besten gar nicht mit dem Vogel reden, um ihn nicht zusätzlich zu stressen. Auch das Anfassen des krampfenden Vogels, der bereits auf eine weiche Unterlage gebettet wurde, ist nicht empfehlenswert. Urplötzlich könnte sich das Tier bewegen und mit dem Flügel gegen die Hand schlagen – Knochenbrüche können dann die Folge sein.

Nach dem überstandenen Anfall sind viele Vögel extrem erschöpft. Sie benötigen dann Ruhe und sollten gegebenenfalls vorübergehend vom Partnervogel oder vom Schwarm separiert werden, um sich ausruhen zu können.

Achtung
Geben Sie einem krampfenden Vogel niemals Flüssigkeit in den Schnabel! Es besteht die Gefahr, dass das Tier daran erstickt, weil es während eines Anfalls unter Umständen nicht richtig schlucken kann. Wer Rescue-Tropfen, ein Mittel aus der Bachblüten-Therapie, anwenden möchte, sollte diese nur in den Nacken des krampfenden Vogels träufeln.

Wie lang dauern neurologische Anfälle normalerweise an?

Die Dauer der Anfälle ist höchst unterschiedlich. Manche Vögel leiden permanent unter leichten Ausfallerscheinungen, doch meist treten diese anfallartig auf. Häufig sind diese Anfälle innerhalb weniger Minuten vorüber, sie können aber auch deutlich länger dauern. In schwereren Fällen ziehen sie sich über mehrere Stunden hin. Ist ein Anfall nach mehr als einer Stunde nicht vorüber, sollte spätestens dann ein fachkundiger Tierarzt zurate gezogen werden.

Tierarztbesuch ja oder nein? Was können Ärzte überhaupt tun?

Erleidet ein Vogel einen Anfall, weil er sich zuvor eine Kopfverletzung zugezogen hat, ist auf alle Fälle umgehend ein vogelkundiger Tierarzt hinzuzuziehen. Liegen keine sichtbaren Verletzungen vor und hat der betroffene Vogel keine Kollision erlitten, sollte nach dem Auftreten eines Anfalls dennoch fachkundiger Arzt kontaktiert werden. Es ist wichtig, die Ursache für die neurologischen Ausfälle zu klären. Oft lässt sich durch eine gezielte Behandlung, zum Beispiel bei einem Leberschaden, das Auftreten weiterer Anfälle verhindern oder deren Intensität abschwächen.

In sehr schweren Fällen, wenn ein Vogel stark krampft, können Tierärzte oft spezielle Medikamente per Spritze verabreichen, um die Krämpfe zu lindern oder zu beenden. Mitunter ist dies jedoch trotz der Medikamentengabe nicht möglich. Gelingt es nicht, einen schweren und lang andauernden Anfall in den Griff zu bekommen, ist oft das Einschläfern des Tieres die einzige Option.

Wunder sollten bei einem Tierarztbesuch nicht erwartet werden. Neurologische Erkrankungen sind bei Vögeln oft schwer zu behandeln. Die Therapie kann zudem sehr langwierig sein. Aber es ist wichtig, einen Vogel in dieser schwierigen Situation nicht allein zu lassen und ihn zu unterstützen, indem er von einem vogelkundigen Tierarzt betreut wird.