Pia

An ihrer Brust hat Pia eine Narbe, die von einer Verletzung stammt, die sie sich bei ihrem Ausflug in die Natur zugezogen hat.
An ihrer Brust hat Pia eine Narbe, die von einer Verletzung stammt, die sie sich bei ihrem Ausflug in die Natur zugezogen hat.

Mitte Juli 2017 wurde ich über Facebook von einer in Großbritannien lebenden Vogelfreundin kontaktiert. Sie stammt ursprünglich aus Deutschland und pflegt über das soziale Netzwerk viele Kontakte mit anderen Menschen, die hier leben. Ein Mann wandte sich damals an sie, weil er auf einem Golfplatz einen aufgeplusterten und erschöpften Vogel gefunden hatte, der ihm nicht wie ein heimischer Wildvogel vorkam. Er lag richtig, er hatte ein Diamanttäubchen aufgegriffen – und damit einen entflogenen Ziervogel. Sandra stellte den Kontakt zu mir her, weil sie wusste, dass ich bereits mehrere dieser Vögel hielt. Und beim Anblick des Fotos des Vogels war auch ihr sofort klar, dass das Täubchen nicht gesund war.

Glücklicherweise wohnte der Finder nicht weit von mir entfernt und brachte den Vogel gleich am nächsten Tag zu mir. Ich erkannte an der Brust eine kleine Wunde und der Vogel war schrecklich mager. Außerdem wirkte das Tier schwach und hatte sehr kalte Füße. Die von mir gereichten Futtermittel, darunter Kolbenhirse, rührte das Diamanttäubchen nicht an. Trinken wollte es nur widerwillig. An jenem Abend konnte ich nicht mehr zum Tierarzt gehen, also wollte ich über Nacht Kot sammeln und den Fundvogel gleich am nächsten Morgen den Ärzten in der nahe gelegenen Taubenklinik vorstellen.

Pia liebt es gemütlich.
Pia liebt es gemütlich.

Aus dem Sammeln der Kotprobe wurde nichts. Das Täubchen hatte über Nacht keine Häufchen gemacht und war am Morgen noch wackeliger auf den Beinen als am Vortag. Ich war sehr in Sorge und sagte meinem Chef, dass ich später mit der Arbeit anfangen würde, weil ich einen gefiederten Notfall in meiner Obhut hatte. Zum Glück ist er der beste Chef der Welt und lässt mir diese Freiheit. Er weiß, dass ich die ausgefallenen Stunden in solchen Fällen später selbstverständlich immer nachhole.

Also war das Täubchen morgens gleich die erste Patientin in der Essener Taubenklinik. Die Untersuchung ergab etwas Schockierendes: Das arme Tier hatte eine ätzende Flüssigkeit getrunken, die die Schleimhäute im Schnabel, im Rachen und im Kropf verletzt hatte. Was das gewesen war, konnten wir nicht mehr herausfinden. Wir konnten nur hoffen, dass die Flüssigkeit nicht auch noch übermäßig giftig gewesen war. Außer dem Vogel Schmerzmittel zu geben und sehr weiches Futter anzubieten, konnte ich nicht mehr tun. Ich musste abwarten, ob meine kleine Patientin überleben würde.

Die große Seegrasmatte ist einer von Pias Lieblingsplätzen.
Die große Seegrasmatte ist einer von Pias Lieblingsplätzen.

Dank des Schmerzmittels begann das Täubchen bei mir zu Hause dann endlich zu fressen, wenn auch sehr zaghaft. Danach ging es dem Vogel nicht gut, er hatte offenkundig Schmerzen, aber immerhin lief die Verdauung wieder und die Gefahr des Verhungerns war abgewendet. In den folgenden Tagen wurde es besser, die Verätzungen heilten und schmerzten zusehends weniger. Damit stieg der Appetit des Diamanttäubchens, das nun auch seinen Namen erhielt: Pia sollte das Vogelmädchen fortan heißen. Ich hegte die Hoffnung, dass sie sich nicht auch noch vergiftet hatte und überleben würde – zum Glück kam es so!

Den einstigen Halter versuchte ich selbstverständlich zu finden, aber ich blieb erfolglos. Nach einigen Wochen und weiteren Tierarztbesuchen, die Pia letztlich beste Gesundheit bescheinigten, durfte das Täubchen dann in mein Vogelzimmer einziehen. Dort lernte Pia die beiden Täubchen Pema und Pitu kennen. Letzterer reagierte auf das neue Weibchen erst einmal ein wenig ablehnend und empfand sie als Störenfried, führte er doch eine innige Beziehung mit Pema. Die fand Pia aber toll und versuchte sich gleich anzufreunden. Als Pitu die beiden Damen trennen wollte, reagierte Pema ungehalten und jagte ihn weg. Danach akzeptierte Pitu, dass es in Pemas Leben neben ihm auch eine beste Freundin gab. Er arrangierte sich mit Pia und oft kuschelten sich die Täubchen tagsüber zu dritt an ihrem gemeinsamen Lieblingsplatz aneinander.

Pia (oben) liebt es, mit ihrer Freundin Pema zu kuscheln.
Pia (oben) liebt es, mit ihrer Freundin Pema zu kuscheln.

Seit Pitu im Sommer 2019 aufgrund von Altersschwäche aus dem Leben schied, wohnen nur noch Pia und Pema bei mir. Sie sind unzertrennlich und gehen ausgesprochen liebevoll miteinander um. Menschen gegenüber ist Pia zurückhaltend, aber auch angriffslustig, wenn man ihr für ihren Geschmack zu nahe kommt. Anders als andere Diamanttäubchen sucht sie dann nicht ihr Heil in der Flucht, sondern macht sich groß und dick und schlägt dann auch schon mal mit dem Flügel nach der Hand, die dreisterweise neues Futter in ihrer Nähe auslegt.

Ich vermute, dass ihre kämpferische Grundhaltung damals in ihrer Notlage ganz entscheidend war. Obwohl sie starke Schmerzen hatte, hat sie nicht aufgegeben und sich nicht unterkriegen lassen. Ich bin sehr froh darüber, dass Pia ihren Weg zu mir gefunden hat, obwohl die Umstände anfangs sicher äußerst unangenehm für sie gewesen sind. Bis auf eine kleine Narbe am Kropf, deren Ursache ich nach wie vor nicht kenne, ist nichts von ihrem damaligen Unglück in freier Natur zurückgeblieben.

Pia liebt es wie alle Diamanttäubchen, ausgiebige Sonnenbäder zu nehmen.
Pia liebt es wie alle Diamanttäubchen, ausgiebige Sonnenbäder zu nehmen.
Die kluge Pia hat das Futterversteck-Spielzeug der Wellensittiche noch vor den Krummschnäbeln durchschaut.
Die kluge Pia hat das Futterversteck-Spielzeug der Wellensittiche noch vor den Krummschnäbeln durchschaut.