Piri

Diamanttäubchen Piri ist ein Männchen.
Diamanttäubchen Piri ist ein Männchen.

Der Herbst stand schon vor der Tür, als liebe Vogelfreunde in ihrem Garten vor der Voliere der Wellensittiche einen Vogel beobachteten, den sie nicht kannten. Ein auf Facebook hochgeladenes Foto fiel mir ins Auge und ich sagte den Vogelfreunden, dass sich da ein Diamanttäubchen in ihrem Garten aufhielt. Noch war es draußen warm genug und die aus der Voliere gefallenen Körnchen der Wellensittiche waren eine ergiebige Nahrungsquelle für das Täubchen. Doch wenn erst die ersten wirklich kalten Herbstnächte kommen würden, dann würde der Vogel Probleme bekommen und sehr wahrscheinlich sterben. Das wollten die Vogelfreunde verhindern und sie versuchten wochenlang, das Täubchen einzufangen. Weil sich der Vogel als erstaunlich clever erwies und die ersten Fangversuche sofort durchschaute, konnte er noch eine Weile in Gesellschaft der Spatzen draußen in der Natur leben.

Ende September 2020 gelang es dann schließlich doch, das kluge Vögelchen zu erwischen. Ich hatte in der Zwischenzeit zugesagt, das Täubchen aufzunehmen, weil bei mir bereits Pia und Pema wohnten und sich sicher über Gesellschaft freuen würden, nahm ich an. Am 30. September traf das noch namenlose Fundtäubchen bei mir ein und musste erst einmal in Quarantäne bleiben. Denn aus vergangenen Fällen weiß ich, dass sich entflogene Heimvögel draußen meist Bakterien und Parasiten einfangen. Meine erste genaue Untersuchung des kleinen Täubers, der bei der Ankunft den Namen Piri von mir erhielt, verlief einigermaßen erfreulich. Gefiederparasiten wie Federlinge konnte ich nicht finden, auch Verletzungen wies der Vogel nicht auf.

Während er draußen in freier Natur war, hatte sich auf Piris Kopf eine Zecke festgebissen.
Während er draußen in freier Natur war, hatte sich auf Piris Kopf eine Zecke festgebissen.

Eines hatte ich bei der Untersuchung jedoch dummerweise nicht getan: die Federn am Kopf einmal hochgehoben. Deshalb fiel es mir leider erst einen Tag später auf, dass sich dort eine Beule zu bilden begonnen hatte. Ich schaute genauer hin und fand eine Zecke, die sich schon ordentlich vollgesaugt hatte. Ich erklärte ihre Mahlzeit für beendet und zog sie aus der Haut, was gar nicht so einfach war, weil Piri große Angst hatte. Dabei ließ das arme Täubchen ein paar Federn, erholte sich aber schnell von dem Schrecken. Ein paar Tage später stand dann der Tierarztbesuch an, weil genügend Kot für eine Untersuchung zusammengekommen war. Es wurden außerdem Abstriche genommen und auf Krankheitserreger wie Trichomonaden und Salmonellen untersucht. Wie durch ein Wunder hatte Piri keinerlei krankmachende Keime „an Bord“, der Tierarzt gab grünes Licht für den Einzug ins Vogelzimmer.

Dort angekommen, war Piri erst einmal verwirrt und fremdelte. Doch die beiden Taubendamen Pema und Pia nahmen ihn sofort unter ihre Fittiche und die drei Vögel freundeten sich sehr schnell an. Anfangs schlief Piri sicherheitshalber jedoch noch in einem separaten Käfig, weil er dazu neigte,  nachts Panikattacken zu bekommen. Ich vermute, das lag an seinen Erfahrungen in freier Natur. Wer weiß, wie lange er draußen war und was er erlebt hat. Nach etwa drei Wochen konnte Piri dann auch nachts bei seinen beiden neuen Freundinnen bleiben, seitdem schlafen die drei Diamanttäubchen jede Nacht aneinander gekuschelt im selben Käfig.

Pema (links), Pia (Mitte) und Piri sind schnell Freunde geworden.
Pema (links), Pia (Mitte) und Piri sind schnell Freunde geworden.

Ein Männchen mit zwei Weibchen im selben Vogelzimmer – anfangs hatte ich noch ein wenig Bedenken, ob das funktionieren würde. In Pema scheint Piri seine hauptsächliche Partnerin gefunden zu haben, doch auch mit Pia versteht er sich sehr gut. Weil die beiden Damen eine innige Freundschaft pflegen, sind die Vögel aber generell meist zu dritt unterwegs. Zu brüten versuchen sie auch, dann liegen sie oft alle drei auf den Eiern. Oder besser gesagt Kunststoffeiern, denn ich möchte keinen Taubennachwuchs haben. Besonders schön ist es, wenn sich die Täubchen gegenseitig am Kopf kraulen, was häufig vorkommt. Sie sind ein gut eingespieltes Team.

Mir gegenüber ist Piri sehr aufgeschlossen. Es hat nur wenige Tage gedauert, bis er am Abend wie fast all meine Vögel auf meine Hand gestiegen ist, um sich in den Schlafkäfig tragen zu lassen. Tagsüber steigt er nicht auf den Finger, aber das stört mich nicht. Wichtig ist nur, dass ich ihn abends stressfrei einfangen kann. Überhaupt ist er die meiste Zeit ein sehr gelassener Vogel. Sobald er Elstern draußen vor dem Fenster sieht, ist es aber vorbei mit der inneren Ruhe. Er gibt dann minutenlang eindringliche Warnlaute von sich, die sogar von den ebenfalls im Vogelzimmer lebenden Wellensittichen und Katharinasittichen verstanden werden. Wann immer Piri warnt, verstummen die anderen Vögel und schauen sich wachsam um.

Piri ruht sich auf der Hängemattenschaukel aus.
Piri ruht sich auf der Hängemattenschaukel aus.

Noch nie habe ich es bei einem Diamanttäubchen erlebt, dass eines von ihnen so gern und so viel Grünzeug futtert wie Piri. Er wartet regelrecht darauf, dass die Sittiche kleinen Möhrenstückchen beim Schreddern fallen lassen. Diese für Taubenschnäbel passenden Häppchen verschlingt er dann immer sofort. Aus dem Salat reißt er mit großer Ausdauer kleine Stückchen heraus und Stangensellerie bearbeitet er mit großer Hingabe. Wenn ich halb reife Rispenhirse serviere, zeigt er ein Verhalten, das ich von seinen Artgenossen ebenfalls nicht kenne. Er legt sich hinein und wälzt sich regelrecht darin, als würde er baden. Erst wenn er das einige Zeit gemacht hat, fängt er an zu fressen. Der kleine Täuber, dessen Alter unbekannt ist, ist eben ein Unikat.