Charly, adoptiert am 12. März ’05, † 2. Juni ’06

Der wildfarbene Charly war ein echter 'Frauenheld'.
Der wildfarbene Charly war ein echter ‚Frauenheld‘.

„Freundlicher Witwer sucht neues Lebens- und Liebesglück“ – so in etwa hätte wohl eine Kontaktanzeige ausgesehen, die Charly aufgegeben hätte, wäre er ein Mensch gewesen. Weil er das aber nicht war und folglich nicht schreiben konnte, begaben sich stattdessen seine fürsorglichen Halter auf die Suche nach einem Weg, um den traurigen Vogelmann nach dem Verlust seiner Gefährtin wieder glücklich werden zu lassen. Nachdem wir einige E-Mails miteinander ausgetauscht hatten, stand dann rasch fest: Charly sollte in mein Vogelzimmer einziehen und dort hoffentlich wieder fröhlich werden. Glücklicherweise hatte ich gerade einen Platz frei.

Hätte er sich gar nicht in den Schwarm eingelebt und wäre er unglücklich gewesen, hätten wir natürlich eine andere Lösung gesucht. Aber das war erfreulicherweise nicht nötig, denn kaum war Charly am 12. März 2005 in meinem Vogelzimmer angekommen, freundete er sich auch schon mit den Damen an – egal, ob sie bereits einen Mann an ihrer Seite hatten oder nicht. Charly war ein echter Charmeur, wie er im Buche steht, und rasch eroberte der quirlige grüne Herr die Herzen aller gefiederten Frauen, und meines natürlich ebenfalls.

Charly während seiner abendliche Gesangsstunde.
Charly während seiner abendliche Gesangsstunde.

In einer festen Beziehung mit nur einer einzigen Wellensittichdame lebte Charly, der Mitte 2002 geboren wurde, in meinem Vogelzimmer zeitlebens nie. Viel mehr schnäbelte er mal mit Niobe, anschließend mit Maia, die lange Zeit seine Favoritin zu sein schien, oder mit der attraktiven älteren Vogeldame Vivian, um sich dann fünf Minuten später beispielsweise Rana zuzuwenden. Mit diesem Verhalten erinnerte mich der wildfarbene Vogelmann sehr an den im Januar 2005 verstorbenen, ebenso charmanten Rudi, der genau wie Charly alle Damen umwarb und zudem sein Zwilling hätte sein können. Erstaunlicherweise tolerierten die Weibchen es, dass er die „Vielweiberei“ betrieb und waren nicht wütend, sondern genossen es, wenn er ihnen vorübergehend seine Aufmerksamkeit schenkte.

Wenn es Karotte gab, war Charly immer sofort zum Genießen zur Stelle.
Wenn es Karotte gab, war Charly immer sofort zum Genießen zur Stelle.

Mit seinen ungestümen Flugkunststücken und dem schönen Gesang erfreute mich Charly seit seinem Einzug in mein Vogelzimmer jeden Tag. Er war freundlich und nicht nur den Damen gegenüber ausgesprochen höflich. Mit keinem der Männchen stritt er sich je, was erstaunlich war, denn er flirtete ja durchaus mit verpaarten Weibchen. Man hätte meinen können, deren Partner würden wütend werden – aber nichts dergleichen geschah. Charly durfte tun und lassen, was er wollte. Mir gegenüber war er recht neugierig, handzahm war er jedoch nicht. Zu Charlys Lieblingsbeschäftigungen gehörte es übrigens, Karotten mit genießerischem Gesichtsausdruck zu verschlingen und ausgiebig zu baden.

Nach dem Baden liebte es Charly, im Sonnenschein zu trocknen.
Nach dem Baden liebte es Charly, im Sonnenschein zu trocknen.

Leider litt Charly zeitlebens an einer chronischen und nicht heilbaren Lebererkrankung. Alle drei bis vier Wochen musste ich seinen Oberschnabel kürzen, weil mit einem Leberschaden meist ein verstärktes Schnabelwachstum einhergeht. Gelassen nahm er es hin, wenn ich ihn wieder einmal einfangen und die Zange und anschließend die Feile ansetzen musste. Die Prozedur war meist innerhalb weniger Sekunden vorüber und Charly konnte dann wieder mit seinen Freunden herumtoben oder die Weibchen „beglücken“. Mir war bewusst, dass trotz der Behandlung des Leberleidens keine Heilung möglich war und sein Leben nicht allzu lange währen würde. Im Mai 2006 wurde Charly beim Fliegen ein wenig kurzatmig – für mich ein Alarmsignal. Als ich ihn abtastete, spürte ich eine deutliche Vergrößerung seiner Leber, was ein sehr schlechtes Zeichen war, denn normalerweise ist sie zwar durchaus ein wenig vergrößert, aber erheblich kleiner. Der Tierarzt bestätigte nach einer Untersuchung meinen schrecklichen Verdacht: Charly litt nun auch noch an einem Lebertumor. Wir konnten nichts tun, um sein Leben zu retten.

halb reife Hirse gehörte zu Charlys Lieblings-Snacks.
halb reife Hirse gehörte zu Charlys Lieblings-Snacks.

Ich hatte mir vorgenommen, ihn erlösen zu lassen, falls er zu leiden beginnen würde. So weit kam es jedoch nicht. Am Morgen des 2. Juni 2006 baute Charly innerhalb weniger Minuten ab und starb im Kreise seiner gefiederten Freunde im Vogelzimmer. Auch ich war bei ihm und wünschte seiner Seele eine gute Reise. Es tut mir so unendlich leid, dass Charly nur knapp vier Jahre alt geworden ist. Er war ein ganz zauberhafter Vogelmann und ich werde ihn nie vergessen.