Nimue, adoptiert am 24. Dezember ’02, † 8. September ’03

Obwohl sie blind war, schredderte Nimue für ihr Leben gern Korkrinde
Obwohl sie blind war, schredderte Nimue für ihr Leben gern Korkrinde

Ihre Welt war vermutlich extrem unscharf und ständig relativ dunkel, als Nimue zu mir kam. Doch es schien so, als wäre dies eine altersbedingte Entwicklung. Es ist davon auszugehen, dass diese leuchtend gelb gefärbte Katharinasittichdame früher einmal ein normales Sehvermögen gehabt hat. Dann hatte sie aber mit zunehmendem Alter eine bei dieser Vogelart relativ häufig auftretende Veränderung der Augen erlitten: Sie war am Grauen Star erkrankt. Dieser war bereits sehr weit fortgeschritten, als das Lutinoweibchen in mein Vogelzimmer einzog. Das heißt, sie war seinerzeit leider bereits vollständig blind und hatte es deshalb in der Anfangszeit in meiner Obhut nicht leicht. Trotzdem meisterte sie den Umgebungswechsel erstaunlich gut. Aber sie wirkte trotzdem sehr verstört und war Menschen gegenüber geradezu panisch. Den Grund dafür glaube ich zu kennen …

Merlin (rechts) und seine blinde Gefährtin Nimue kurz nach ihrem Einzug in mein Vogelzimmer
Merlin (rechts) und seine blinde Gefährtin Nimue kurz nach ihrem Einzug in mein Vogelzimmer

Als sie gemeinsam mit ihrem Partner Merlin bei ihrem ehemaligen Besitzer gelebt hatte, ist dieser allem Anschein nach wenig rücksichtsvoll mit der gehandicapten Nimue umgegangen. Aus den Erzählungen des Halters ging hervor, dass seine Kinder den Sittich immer wieder bedrängt hatten. Ständig war sie gegen ihren Willen in die Hand genommen und festgehalten worden. Vor den greifenden Kinderhänden hatte sie nicht flüchten können, zumindest nicht, nachdem der Graue Star bei ihr ausgebrochen war. Die Kinder hatten daraus geschlossen, der Vogel habe keine Angst – Nimues Zappeln und Schreien waren schlichtweg ignoriert worden. Nun, Kinder wissen es meist nicht besser. Hier hätten die Eltern Aufklärungsarbeit leisten müssen, doch das ist in Nimues Fall versäumt worden. Deshalb war sie sehr scheu, als ich sie übernahm. Ihre jüngsten Erfahrungen mit Menschen waren von Angst geprägt, insofern verwundert es nicht, dass sie den Kontakt zu mir mied.

Wie schrecklich es sein muss, wenn man wieder und wieder ohne jegliche Vorwarnung durch einen Schraubstockgriff festgesetzt wird, vermag sich vermutlich niemand wirklich vorzustellen. Nimue hat es so oft erlebt, dass sie ständig in der Angst lebte, wieder in die Hand genommen oder gegen ihren Willen berührt zu werden. Sie litt unter dem psychischen Druck dermaßen, dass sich bei ihr starke psychisch bedingte Verdauungsstörungen einstellten. In den ersten Tagen und Wochen in meiner Obhut hatte sie schweren Durchfall, der noch dazu extrem stank. Bei mehreren tierärztlichen Untersuchungen konnte dafür keine organische Ursache festgestellt werden. Deshalb stellte der vogelkundige Tierarzt letztlich die Diagnose, dass es heftiger chronischer „Stressdurchfall“ war und verordnete „psychische Schonung“. Diese erhielt Nimue bei mir selbstverständlich.

Rote Augen und leuchtend gelbes Gefieder – Nimue war ein Lutino-Katharinasittich
Rote Augen und leuchtend gelbes Gefieder – Nimue war ein Lutino-Katharinasittich

Schon wenige Wochen nach ihrem Einzug in mein Vogelzimmer gehörte dieser Stressdurchfall glücklicherweise der Vergangenheit an. Nimues Gesundheitszustand verbesserte sich zusehends und sie wurde immer aktiver. Nach einigen Wochen randalierte sie regelrecht in ihrem Krankenkäfig und wollte die Welt da draußen erkunden, obwohl sie sie nicht sehen konnte. Ursprünglich war der Plan, sie in einem separaten Käfig im Vogelzimmer wohnen zu lassen – sie war mein erster blinder Vogel und ich hatte Sorge, dass sie mit dem ständigen Freiflug überfordert und zu stark unfallgefährdet sein würde. Doch ich entschied mich anders. Damit Nimue sich in ihrem Käfig nicht ständig langweilte, während sie um sich herum das Getöse der Wellensittiche und ihres Partners hörte, entschied ich, für sie einen kleinen „Abenteuerspielplatz“ auf der Fensterbank einzurichten und sie somit aus dem Käfig zu lassen. Es hatte tatsächlich den Anschein, als habe Nimue im direkten Sonnenlicht zumindest schemenhaft ihre Umgebung erkennen können. Sie hielt sich ausgesprochen gern auf ihrem Spielplatz auf.

Nimue aus nächster Nähe
Nimue aus nächster Nähe

Weitere Lieblingsplätze der agilen Vogeldame waren die Korkeichenrinden-Röhren, die sie in der Manier einer verwegenen Höhlenforscherin Tag für Tag aufs Neue erkundete. In diesen Korkröhren konnte sie dösen, singen, das angenehm feste und doch weiche Material nach Herzenslust benagen – und natürlich heimlich Kolbenhirse knabbern. Denn damit Nimue überhaupt etwas von dieser Leckerei abbekam, legte ich ihr oft Hirsestücke in ihre Lieblings-Korkröhre, in die sich die gefräßigen Wellensittiche nicht hinein wagten. Mehrmals täglich trabte Nimue außerdem zum Trinknapf und zum Frischkost-Futterplatz auf der Fensterbank, wo sie sich am liebsten saftige, süße Weintrauben einverleibte.

Gern ließ sich die blinde Nimue von mir im Vogelzimmer herumtragen
Gern ließ sich die blinde Nimue von mir im Vogelzimmer herumtragen

Wie sie morgens in ihre Lieblingshöhle gelangte, ist leicht erklärt: Nimue hat es innerhalb relativ kurzer Zeit begriffen, dass Hände nicht immer etwas Negatives bedeuten. Sobald ich morgens den Käfig der Katharinasittiche öffnete und ihr Partner Merlin nach draußen stürmte, ruderte sie mit einem Fuß in der Luft herum, um nach meinem Finger zu suchen. Diesen schob ich unter ihren Fuß und sie kletterte bereitwillig auf meine Hand. Vollkommen freiwillig blieb sie darauf sitzen und ließ sich von mir zur Korkröhre tragen. Es rührte mich immer wieder, wie schnell sie trotz ihrer negativen Erfahrungen mit ihren Vorbesitzern dazu bereit war, mir zu vertrauen. Ich bin froh, Nimue niemals enttäuscht oder ihr Vertrauen missbraucht zu haben. Mir war es wichtig, ihr zu zeigen, dass Menschen auch gut sein können.

Nimue beim Dösen am Nachmittag
Nimue beim Dösen am Nachmittag

Ende August 2003 erkrankte die zu dieser Zeit etwa acht Jahre alte Nimue infolge der Hitzewelle des Sommers an einer schweren Nierenentzündung. Von dieser erholte sie sich trotz intensiver Pflege bedauerlicherweise nicht mehr. Am 8. September 2003 schlief sie am späten Abend für immer ein, ganz friedlich und in Würde. Ich bin dem Schicksal sehr dankbar dafür, dass es Nimue zu mir geführt hat. Sie gekannt zu haben, ist etwas ganz Besonderes für mich, da sie eine ganz wundervolle Seele war, einerseits sehr sanftmütig, andererseits auch von ihrer Blindheit nicht unterzukriegen und ungemein tapfer. Nimue hat mich zutiefst beeindruckt und ich werde sie niemals vergessen.

Bedeutung des Namens

„Ni-Was?“ – Das bekam ich oft zu hören, wenn ich Merlin und Nimue vorstellte. Merlin war allen sofort ein Begriff, aber Nimue? Ich habe meine gelbe Vogeldame nach der Gefährtin – und gemäß mancher Quellen auch Geliebten – des mächtigen Druiden Merlin aus der Artussage benannt. Ausgesprochen wird der Name „Ni-mu-eh“.

Lesetipp
Tagebuch von Nimue und Merlin

Tagebuch von Nimue und Merlin

Tagebuch von Nimue und Merlin – aus dem Leben zweier Katharinasittiche