Rohanna, adoptiert am 18. Mai ’06, † 23. Oktober ’12

Rohanna als erwachsene Wellensittichdame.
Rohanna als erwachsene Wellensittichdame.

War es bloß Zufall? Oder war es vielmehr eine glückliche Fügung des Schicksals, bei der so etwas wie ein Wellensittich-Schutzengel seine Finger im Spiel hatte? Ich werde es nie erfahren, aber das spielt keine Rolle. Für mich zählt nur, dass ich Rohanna damals noch rechtzeitig fand, als sie in allergrößter Not war. Eigentlich ging ich so gut wie nie in Zooläden in meiner Heimatstadt, weil ich einen Händler meines Vertrauens hatte, bei dem ich alle Produkte für meine Vögel bezog. Doch am 18. Mai 2006 musste ich aber unbedingt möglichst schnell eine Weidenbrücke für Nager kaufen, um daraus eine Schlafhöhle für die Katharinasittiche Costa und Rica zu basteln. Die beiden Vögel würden kurze Zeit später bei mir eintreffen und sie sollten es von Anfang an gut haben – eine Bestellung per Online-Versandhandel kam da für ihr Zubehör nicht infrage. Die armen Geschöpfe stammten aus sehr schlechten Haltungsbedingungen und verdienten es, fortan liebevoll umsorgt zu werden. Deshalb ging ich damals also in einen Zooladen, um schnell das nötige Zubehör für die beiden Sittiche zu beschaffen. Die Weidenbrücke hatte ich schon in der Hand und ich war auf dem Weg zur Kasse, da streifte mein Blick ein winziges, graues Häufchen Elend in einem der Verkaufskäfige.

Kurz nach ihrer Ankunft in meiner Obhut war Rohanna noch sehr jung.
Kurz nach ihrer Ankunft in meiner Obhut war Rohanna noch sehr jung.

Ich trat an den Käfig heran und sah einen sehr jungen Wellensittich, der völlig entkräftet und bis auf die Knochen abgemagert war. Das Tier lag auf dem Boden, weil es vor lauter Erschöpfung nicht mehr auf den Stangen sitzen konnte. Mich erinnerte das alles sehr an den leider verstorbenen Serenio, der als Küken zu früh von seinen Eltern getrennt worden war und deshalb im Zooladen hatte hungern müssen. Obwohl er von einer aufmerksamen Vogelkennerin entdeckt und sofort in Obhut genommen worden sowie letztlich bei mir zum Päppeln gelandet war, hatte ihn diese Hungerperiode kurze Zeit später das Leben gekostet. Abgesehen davon, dass das junge Weibchen in dem Zooladen vor lauter Hunger sehr schwach war, waren seine Federn rund um die Kloake stark verschmutzt, weil der Vogel Durchfall zu haben schien. Später sollte sich jedoch herausstellen, dass es sich nur um eine große Menge von Urin handelte, denn der Sittich hatte in seiner verzweifelten Lage gegen den nagenden Hunger offenbar extrem viel getrunken.

Rohanna kurz nach ihrem Einzug ins Vogelzimmer.
Rohanna kurz nach ihrem Einzug ins Vogelzimmer.

Sofort sprach ich das Verkaufspersonal an und in einem Gespräch äußerte ich eindringlich die Bitte, dass dem Vogel geholfen werden möge, weil er dringend einen Tierarzt bräuchte – und wohl auch spezielle Nahrung, um nicht zu verhungern. Allem Anschein nach wirkte mein Auftreten überzeugend und man bot mir an, dass ich den schwer vom Hungern gezeichneten und scheinbar obendrein kranken Vogel mitnehmen und pflegen sollte. Bezahlen musste ich nichts, man bat mich lediglich darum, mich für das Leben des Tiers einzusetzen – für mich eine Selbstverständlichkeit! Eine der Verkäuferinnen bat mich außerdem darum, sie einige Tage später anzurufen und vom weiteren Schicksal des Vogels zu berichten. Sie machte sich wirklich Sorgen um das Jungtier und ich war positiv überrascht, wie ernst man diesen Fall in dem Zoogeschäft nahm. Dort war man tatsächlich um das Wohl des Tieres besorgt und sah es nicht nur als „Ware“ an.

Die neugierige Rohanna.
Die neugierige Rohanna.

Rohanna, so nannte ich die in der ersten Aprilhälfte 2006 geborene Vogeldame, wurde vom Tierarzt gründlich untersucht. Abgesehen von ihrem sehr schlechten Ernährungszustand war sie zu meiner Freude kerngesund. Weil sie noch nicht selbst fressen konnte – dafür war sie zu jung und ungeübt -, musste ich sie mit Handaufzuchtbrei füttern. Leider war Rohanna anfangs zu schwach zum Schlucken, deshalb bekam ich das Futter nur mithilfe einer Kropfsonde per Zwangsernährung in ihren Verdauungstrakt. Diese Prozedur war für sie sicher äußerst unangenehm, aber es war die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern. Dank des gehaltvollen Breifutters wurde sie schnell kräftiger. Einige Tage später hatte sie ihr Gewicht von anfangs 26 Gramm auf 35 Gramm gesteigert und war sehr lebhaft geworden. Weil sie gesund war und keine ansteckende Krankheit in sich trug, durfte sie ins Vogelzimmer einziehen, wo sie sofort damit begann, die Umgebung zu erkunden und ihre neuen Gefährten kennenzulernen.

Mit seiner Gefährtin Rohanna (rechts) schmuste Pollux sehr häufig.
Mit seiner Gefährtin Rohanna (rechts) schmuste Pollux sehr häufig.

Vom Moment ihres Einzugs ins Vogelzimmer an war für Rohanna alles in bester Ordnung. Sie fühlte sich augenblicklich wohl in der Gesellschaft der anderen Wellensittiche, denn sie war es aus ihrer Kindheit gewohnt, nie allein zu sein. Auch lernte sie im Schwarm schnell, eigenständig zu fressen. Bald musste ich sie nicht mehr mit Breifutter versorgen. Einige Wochen nach ihrer Ankunft wurde sie langsam erwachsen und zusehends munterer. Einen so aufgedrehten, aktiven Vogel wie Rohanna habe ich selten erlebt. Es dauerte nicht lang, bis sie sich für die Männchen zu interessieren begann. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie Pollux‚ Herz erobert und führte vom Herbst 2006 an eine turbulente Beziehung mit ihm, bis er leider im Spätsommer 2011 aus dem Leben schied. Doch sie hatte zum Glück weitere Freunde im Vogelschwarm und war deshalb auch nach seinem Tod nicht einsam.

Mir gegenüber verhielt sich Rohanna anfangs bedauerlicherweise ausgesprochen scheu. Vermutlich lag es daran, dass ich sie damals mit der Zwangsernährung nicht gerade erfreut habe. Mit der Zeit wurde sie aber zum Glück zutraulicher und entspannter, sodass sie später sogar problemlos auf meinen Finger stieg, wenn ich ihr diesen als „Taxi“ anbot.

Das gesamte Gefieder von Rohanna war zartgrau und weiß gefärbt.
Das gesamte Gefieder von Rohanna war zartgrau und weiß gefärbt.

Aufgrund einer schweren Erkrankung musste ich im Juni 2012 vorübergehend meine Tiere weggeben. Rohanna zog mit einigen ihrer gefiederten Gefährten in das Vogelzimmer einer lieben Freundin. Dort freundete sie sich sehr eng mit einem zauberhaften Wellensittichweibchen namens Mia an, das sie schon länger kannte. Als Rohanna im Oktober 2012 plötzlich schwer erkrankte, wich Mia ihr nicht von der Seite und wärmte sie. Leider war Rohanna nicht zu retten, obwohl meine Freundin alles versuchte, um ihr zu helfen. Meine liebe, hellgraue Vogeldame starb am 23. Oktober 2012 an einer schweren Infektion. Ich bedauere es noch heute sehr, sie in der letzten Zeit ihres Lebens nicht bei mir gehabt zu haben, weil ich selbst gesundheitlich schwer angeschlagen war. Aber ich weiß, dass sie es bei meiner Freundin sehr gut hatte und bis zu ihrem letzten Tag bestens umsorgt wurde. Rohannas freundliches Wesen werde ich sehr vermissen und ich bin unendlich traurig darüber, dass sie nicht mit meinen anderen Vögeln etwa ein halbes Jahr nach dem vorübergehenden Auszug wieder zu mir zurückkehren konnte.

Rohannas Farbschlag nennt sich Grauflügel, die Grundfarbe war Grau.

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