Rachitische Beine

Bei diesem Wellensittich sind die Beine und Füße wegen einer Rachitis schief.
Bei diesem Wellensittich sind die Beine und Füße wegen einer Rachitis schief.

Unter dem Namen Rachitis versteht man eine Erkrankung, die durch einen Mangel an Kalzium und anderen Mineralstoffen und/oder durch eine Unterversorgung mit den Vitaminen D3 und B während der Wachstumsphase verursacht wird. Erhält ein Vogelküken eine unzureichend große Menge dieser Stoffe, so schwellen seine Gelenke meist an und die Knochen können nicht richtig aushärten. Bei manchen Jungvögeln sind auch die Krallen und der Schnabel betroffen, sie härten jedoch oft später nach. Allerdings können sie vorher gravierende Fehlstellungen entwickeln. In manchen Fällen bleibt das Schnabelhorn zeitlebens brüchig und rau.

In sehr vielen Fällen sind vor allem die Füße und Beine der an einer Rachitis leidenden Vögel verformt. Unter dem eigenen Körpergewicht geben die zu weichen Zehen- und Beinknochen nach und verbiegen sich. Recht typisch dafür ist eine Fehlstellung der Füße, bei der die Zehen so verdreht sind, dass sie sich nach innen drehen:

Bei einer Rachitiserkrankung sind die Füße der betroffenen Vögel oft nach innen verdreht.
Bei einer Rachitiserkrankung sind die Füße der betroffenen Vögel oft nach innen verdreht.
Dieser Wellensittich, dessen Beine infolge einer Rachitis stark verdreht sind, ruht auf einer Plexiglasscheibe und das Ausmaß seiner Behinderung ist gut zu erkennen.
Dieser Wellensittich, dessen Beine infolge einer Rachitis stark verdreht sind, ruht auf einer Plexiglasscheibe und das Ausmaß seiner Behinderung ist gut zu erkennen.

An dieser Stelle sei der Vollständigkeit halber zudem erwähnt, dass unter bestimmten Umständen auch die Wirbelsäule und andere Knochen im Körper des Vogels aufgrund einer Rachitis deformiert sein können. Je nachdem, wie stark die Rachitis der Wirbelsäule ausgeprägt ist, können die Vögel entweder Probleme beim Laufen oder beim Fliegen haben – oder in besonders gravierenden Fällen weder richtig laufen noch richtig fliegen können.

Durch eine Rachitis ist die Wirbelsäule dieses Kanarienvogels deformiert.
Durch eine Rachitis ist die Wirbelsäule dieses Kanarienvogels deformiert.
Vögel, die an Rachitis leiden, haben häufig auch brüchiges Schnabelhorn.
Vögel, die an Rachitis leiden, haben häufig auch brüchiges Schnabelhorn.

Therapiemöglichkeiten

Vitamine und andere Nährstoffe sind nicht nur für Vögel, die an einer Rachitis leiden, sehr wichtig.
Vitamine und andere Nährstoffe sind nicht nur für Vögel, die an einer Rachitis leiden, sehr wichtig.

Je jünger der betroffene Vogel ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer optimierten Ernährung und damit verbundenen erhöhten Nährstoffzufuhr eine Verbesserung der Situation herbeizuführen. Jungtiere, die mit Präparaten behandelt werden, in denen die Vitamine B und D sowie Kalzium enthalten sind, sprechen oft gut auf die Therapie an. Mithilfe von Krankengymnastik sowie mittels einiger weiterer Maßnahmen, die der behandelnde Vogel-Facharzt im Einzelfall festlegt, kann eine Fußfehlstellung therapiert werden. Auch Beinfehlstellungen lassen sich oft noch bis zu einem gewissen Grad beheben.

Ist ein an einer Rachitis leidender Vogel jedoch bereits voll ausgewachsen, ist eine Therapie ausgesprochen schwierig oder gar unmöglich, weil sich die Knochen bereits in der anatomisch falschen Position verfestigt haben (dies geschieht meist spätestens nach dem Erreichen der vollen Körpergröße). Da eine Heilung oder Verbesserung der Situation in nahezu allen Fällen bedauerlicherweise nicht im Bereich des Möglichen liegt, bleibt dem Vogelhalter nur die Option, dem gehandicapten Vogel das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Hierfür muss er allerdings die Probleme und besonderen Bedürfnisse derart gehandicapter Tiere kennen.

Probleme im Vogel-Alltag

Auf gängigen Stangen und Sitzästen finden Vögel mit rachitischen Beinen kaum Halt, dasselbe gilt für Holzleitern.
Auf gängigen Stangen und Sitzästen finden Vögel mit rachitischen Beinen kaum Halt, dasselbe gilt für Holzleitern.

Leidet ein Vogel an einer Beinfehlstellung infolge einer Rachitis, können sich für ihn im Alltag einige Probleme ergeben. Sind beide Füße von der Fehlstellung betroffen, kann sich der Vogel nicht auf normalen Sitzstangen halten oder an Naturästen festhalten. Sicheren Halt findet er nur auf breiten Sitzbrettchen oder Ruheplattformen beziehungsweise auf breiten, gepolsterten Sitzstangen.

Häufige Stürze aufgrund nicht an die Behinderung angepasster Sitzmöglichkeiten sollten unbedingt vermieden werden. Die schiefen Beinknochen können beim Aufprall sehr leicht brechen. Auch andere Knochen im Körper des Vogels sind durch eine Rachitis oftmals in Mitleidenschaft gezogen und deshalb nicht selten besonders empfänglich für Brüche.

Darüber hinaus besteht die Gefahr der Entstehung von Prellungen oder Luftsackrissen aufgrund von Stürzen, sodass für adäquate und vor allem sichere Sitzmöglichkeiten gesorgt werden sollte. Ferner ist es sinnvoll, den Boden des Käfigs eines Vogels, der zu Stürzen neigt, zu polstern. Gut geeignet als Polstermaterial sind beispielsweise kleine Zierkissen, die man mit Küchenpapier bedecken und so vor einer Verschmutzung durch Kot schützen kann. Während des Freiflugs benötigt ein Vogel, dessen Beine schief sind, sichere Sitz- und Landeplätze, auf denen er sich ausruhen kann, ohne einer permanenten Sturzgefahr ausgesetzt zu sein.

Senkrechte Gitterstäbe an Käfigen und Zimmervolieren sind sogar für kerngesunde Vögel zum Klettern nicht ideal geeignet, an Rachitis leidende Vögel kommen damit praktisch gar nicht zurecht. Ein guter Käfig enthält an mindestens zwei Seiten waagerechte Gitterstäbe, damit sich darin wohnende Vögel leicht kletternd fortbewegen können. Käfige mit überwiegend senkrecht angeordneten Gitterstäben sollte man als Halter eines Vogels mit rachitischen Beinen deshalb gegen behindertengerechte Modelle mit waagerechten Stäben austauschen, um das Sturzrisiko zu senken.

Weil Vögel mit rachitischen Beinen meist etwas kleiner als ihre Artgenossen sind, können Fressnäpfe mit hohen Kanten für sie zum Problem werden.
Weil Vögel mit rachitischen Beinen meist etwas kleiner als ihre Artgenossen sind, können Fressnäpfe mit hohen Kanten für sie zum Problem werden.

Sind die Beine nach innen verdreht, können die betroffenen Vögel ihre Gelenke nicht in der anatomisch korrekten Stellung durchstrecken und sich aufgrund dessen nicht zu voller Größe aufrichten. Hiervon betroffene Wellensittiche sind deshalb beispielsweise durchschnittlich etwa ein bis zwei Zentimeter kleiner als gesunde Artgenossen. Aus diesem Grunde stellen viele Futternäpfe für Vögel mit rachitischen Beinen kaum zu bewältigende Hindernisse dar. Es gelingt den Vögeln nicht, sich weit genug über den Rand zu lehnen, um an das Futter zu gelangen. Ebenfalls problematisch sind Näpfe mit fest montierten Sitzstegen, wie sie sich als mitgeliefertes Zubehör in vielen Käfigen befinden. Diese Sitzstege sind meist viel zu schmal für die schiefen Füße der auf diese Weise gehandicapten Vögel. Deshalb können sich die Tiere nicht auf der Standfläche halten und folglich auch keine Nahrung aus den Näpfen zu sich nehmen. Dasselbe gilt für etliche Trink- und Badegefäße.

Will sich ein Vogel, dessen Beine verdreht sind, am Kopf kratzen, muss er sich dafür auf den Bauch legen.
Will sich ein Vogel, dessen Beine verdreht sind, am Kopf kratzen, muss er sich dafür auf den Bauch legen.

Bei der Gefiederpflege treten je nach Schwere der Bein- und Fußfehlstellungen ebenfalls einige Schwierigkeiten auf. Um sich beispielsweise am Kopf kratzen zu können, muss ein Vogel einbeinig sicher stehen können, ohne umzufallen. Vögel, deren Füße nach innen gebogen sind, können meist nicht ausreichend stabil auf einem Bein stehen. Damit sie sich dennoch kratzen können, müssen sie improvisieren. Das von mir gepflegte Wellensittichweibchen Sara, siehe Foto in der Nähe dieses Absatzes, legte sich zunächst bäuchlings hin, um dann den Fuß hochzuheben, mit dem sie sich am Kopf kratzen wollte. Ihr Körpergewicht ruhte somit nicht auf dem anderen schiefen Fuß, sondern auf dem Bauch.

Ferner ist den meisten Vögeln, deren Beine aufgrund einer Rachitiserkrankung missgestaltet sind, eine Paarung mit einem Artgenossen nicht möglich. Ein betroffenes Männchen kann auf dem Rücken seiner Partnerin keinen Halt finden; einem erkrankten Weibchen ist es hingegen kaum möglich, den Rücken so weit durchzubiegen, dass die Kloake in der für eine erfolgreiche Paarung korrekten Position ausgerichtet ist. Zum Einsatz in der Zucht sind Vögel mit rachitischen Beinen deshalb denkbar schlecht geeignet. Die Kräfte zehrende Eiproduktion würde bei einem betroffenen Weibchen zudem sehr wahrscheinlich zu einer massivem Verschlechterung der Knochenstruktur führen, weil der Körper bei der Bildung der Eierschale sehr viel Kalzium benötigt, das ihm selbst während des Wachstums gefehlt hat. Deshalb sollte man solche Weibchen auf keinen Fall brüten lassen.

Häufige Begleiterkrankungen

Bei Zehen-, Bein- und Fußfehlstellungen kann es an der Haut zu Druckstellen und Verdickungen kommen.
Bei Zehen-, Bein- und Fußfehlstellungen kann es an der Haut zu Druckstellen und Verdickungen kommen.

Aufgrund der mehr oder minder schweren Fehlstellung der Füße ergeben sich bei den meisten an einer Rachitis leidenden Vögel nicht nur Probleme im Alltag. Mit der Zeit stellen sich bei ihnen oft außerdem typische Begleiterkrankungen ein. Die ständige punktuelle Belastung der Haut an den fehlgestellten Füßen führt zu Druckstellen und Entzündungen, die Sohlengeschwüren ausgesprochen ähnlich sind, allerdings nicht an den Fußsohlen, sondern an anderen Stellen entstehen.

Druckstellen oder Entzündungen dieser Art müssen sehr genau überwacht werden. Es ist sinnvoll, einen vogelkundigen Tierarzt zurate zu ziehen und mit ihm einen Behandlungsplan abzustimmen. Die Haut muss täglich kontrolliert und gepflegt werden, damit entzündliche Prozesse gestoppt oder im Idealfall an ihrer Entstehung gehindert werden, denn schwere Sohlengeschwüre können im schlimmsten Fall eine Amputation des Fußes erforderlich werden lassen.

Manche Vögel, deren Beine verbogen sind, legen sich gern auf den Bauch, weil ihnen das Stehen in der anatomisch nicht vorgesehenen Position der Beine schwerfällt. Durch dieses ständige Liegen können am Bauch sogenannte Liegegeschwüre entstehen, in der Fachsprache nennt man eine solche wunde Hautstelle Dekubitus. Sie sind sehr gefährlich, weil sie schlecht heilen, ausgesprochen schmerzhaft sind und oft zu schwersten allgemeinen Infektionen bis hin zu einer Blutvergiftung führen. Deshalb ist es wichtig, die Entstehung solcher Liegegeschwüre bereits im Keim zu ersticken, indem man dem betroffenen Vogel weiche Unterlagen zum Ausruhen anbietet. Falls sich dennoch eine Druckstelle am Bauch oder an der Brust bildet, sollte man so schnell wie möglich einen fachkundigen Tierarzt aufsuchen.

Der Vogel ist mit einer Kralle seines verdrehten Fußes hängen geblieben; bei einem Befreiungsversuch könnte er sich eine Zerrung zuziehen.
Der Vogel ist mit einer Kralle seines verdrehten Fußes hängen geblieben; bei einem Befreiungsversuch könnte er sich eine Zerrung zuziehen.

Leider bleiben Vögel mit ihren fehlgestellten Füßen beim Klettern oder Laufen gelegentlich an Gegenständen hängen. Wenn sie versuchen, sich zu befreien, kann es zu verschiedenen Verletzungen kommen, darunter Zerrungen, Bänderdehnungen oder gar zu Knochenbrüchen. Insbesondere dann, wenn ein stark fehlgestelltes Bein obendrein einen Fußring trägt, ist das Unfallrisiko sehr hoch. Deshalb ist es sinnvoll, einem Vogel, dessen Beine stark fehlgestellt sind, den Ring von einem Tierarzt entfernen zu lassen. Dies ist möglich und sogar erlaubt, sofern ein medizinisch notwendiger Grund vorliegt – und ein solcher ist bei rachitischen Beinen gegeben. Vögel, die durch das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) streng geschützt sind, bedürfen dann einer alternativen individuellen Kennzeichnung wie zum Beispiel einem implantierten Chip. Vogelkundige Tierärzte können hierzu Ratschläge erteilen.

Einrichtungstipps für rachitische Vögel

Wichtig ist es, den an einer Rachitis leidenden Vögeln im Käfig breite Sitzgelegenheiten anzubieten. Sehr gut bewährt haben sich Sitzplattformen, die man aus Holzleisten herstellen kann. Man sägt diese Leisten auf die passende Länge und ummantelt sie mit einem Stück Mikrofasertuch (bitte vorher gründlich auswaschen). Diese Polsterung schont die empfindliche Haut der Füße und erleichtert die Reinigung, denn Mikrofasertücher sind waschbar und können somit täglich mindestens einmal ausgetauscht werden. Solche Sitzbrettchen lassen sich bei den meisten Käfigen und Volieren problemlos am Gitter befestigen.

Die meisten Vögel nehmen darüber hinaus sehr gern Sitzbrettchen und Ruheplattformen aus Korkrinde an. Dieses Material ist im Zoofachhandel erhältlich, meist findet es sich in der Aquaristik- und Terraristik-Abteilung. Kork lässt sich mit der Säge leicht bearbeiten und dann zwischen den Gitterstäben des Käfigs oder der Voliere befestigen. Gern schlafen Vögel, deren Beine schief sind, bäuchlings liegend auf Korkplatten. Der über Nacht abgesetzte Kot lässt sich unter fließendem Wasser mittels einer Nagelbürste leicht von den Sitzbrettchen entfernen.

Auf Korkbrettchen ruhen sich Vögel, die an einer Beinfehlstellung leiden, oft gern aus.
Auf Korkbrettchen ruhen sich Vögel, die an einer Beinfehlstellung leiden, oft gern aus.
Sogar wenn die Füße stark verdreht sind, finden kleine Vögel auf Korkplatten meist problemlos Halt.
Sogar wenn die Füße stark verdreht sind, finden kleine Vögel auf Korkplatten meist problemlos Halt.